HAU1: "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" von Anne Teresa De Keersmaeker; © Herman Sorgeloos
© Herman Sorgeloos | Bild: Hebbel am Ufer

HAU1 - "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke"

Bewertung:

Die belgische Choreografin und Tänzerin Anne Teresa De Keersmaeker hat eine Novität vorgestellt. Der Abend bezieht sich mit dem Titel auf eine Erzählung von Rainer Maria Rilke.

Ungewöhnlich ist  d a s  Stichwort für die Offerte: Rilkes Text – gesprochen und per riesiger Projektion zum Lesen angeboten – dazu eigenwillige Klänge, Tanz obendrein. Der Choreografin geht es nach eigenem Bekunden darum, Antwort auf diese Frage zu finden: "Wie entsteht Bewegung aus Atem, aus Geräusch, Rede, Gesang?"

HAU1: "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" von Anne Teresa De Keersmaeker; © Herman Sorgeloos
© Herman Sorgeloos | Bild: Hebbel am Ufer

Spannung aus dem Verhältnis von Ruhe und Musik

Die Flötistin Chryssi Dimitriou haucht, spuckt, faucht die Musik von Salvatore Sciarrino in ihr Instrument – das ist sozusagen verstärktes Atmen. Wozu? Um das Zeit-Raum-Kontinuum fürs Publikum spürbar werden zu lassen.

Wenn davor und danach nämlich wirklich Ruhe herrscht – wenn davor allein die Bewegungen des Tänzers Michaël Pomero das leere, mit einem grau-weißen Boden belegte Bühnenquadrat sozusagen ausmessen, so etwas wie eine Vermessung der Welt vornehmen, – dann entwickelt sich aus dem Verhältnis von Ruhe und Musik eine schöne Spannung. Die noch gesteigert wird, wenn dann der Rilke-Text in deutsch und englisch auf zwei riesige grau-weiße Stellwände an der hinteren Bühnenwand projiziert wird. Sehr eindringlich. Man kann nicht anders: man liest den Text mit.

Selbst gesetzte Maßstäbe nicht erreicht

Der Tanz: Am Anfang, wenn Michaël Pomero sein schon beschriebenes Solo hat, ist das stark, hat das Sog. Mit dem Auftritt von Anne Teresa De Keersmaeker zunächst gemeinsam mit Michaël Pomero, dann solistisch, wird’s allerdings banal. Denn das Schreiten, Gleiten, Rollen, Posieren zu dem von ihr laut vorgetragenen Text wirkt beliebig, austauschbar, viel zu oft zu vordergründig illustrativ. Das bringt weder einen Gewinn an Erkenntnis noch an Sinnlichkeit.

Sie spricht den Text – eine Kriegsgeschichte um einen jungen Adligen, der im Kampf fällt, auch eine Liebesgeschichte – ganz wunderbar. Schließt man die Augen, hört ihr nur zu, hat man einen Genuss. Sieht man ihr auch zu, bedauert man, dass sie Gutes von sich selbst aus früheren Jahren kopiert – und damit die einst selbst gesetzten Maßstäbe nicht erreicht.

Dennoch: Hingehen! Anne Teresa De Keersmaeker hat mehrfach Furore gemacht – etwa mit Performances, in denen über Bewegungsstudien andere Künste, etwa das Sprechtheater oder die Pop-Musik, reflektiert, manchmal gar erkundet worden sind. Da ist es durchaus interessant zu sehen, wie groß die Gefahr ist, dass das, was vor Kurzem noch innovativ war, ganz schnell in eine Sackgasse führt – wenn es sich nicht weiterentwickelt.

Und: Da ist der Anfang des Abends – das Solo von Michaël Pomero. Vielleicht fünf, vielleicht sechs Minuten? Kurz. Aber: Wie er mit seinem Körper die Welt durchmisst, das wirkt nach. Den Rest vergisst man ganz schnell – und freut sich nach der gerade mal eine Stunde kurzen Aufführung noch lange an seinem Können.

Peter Claus, kulturradio

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