Klassenkampf | Bildquelle: Heimathafen Neukölln
Klassenkampf | Bildquelle: Heimathafen Neukölln | Bild: Heimathafen Neukölln

Heimathafen Neukölln - "Klassenkampf"

Bewertung:

Was stellt man sich unter einem kommunistischen Schulmusical vor? Das in der Aula gesungene Manifest? Im Heimathafen Neukölln wird es wilder.

War Marx ein Dichter oder ein Politiker? – Die Schüler der imaginären Neuköllner Karl-Marx-Oberschule wissen es nicht genau. Haben Proletarier mit Vegetariern zu tun? – Egal. Hauptsache man gilt bei den anderen nicht als Opfer. Die Wände des maroden Schulgebäudes sind mit Graffitis beschmiert, der Anteil der Schüler nicht-deutscher Herkunft liegt bei 87% – sehr zum Ärger der smarten deutschen Schulleiterin. Ab 90% könnte sie mit mehr Fördergeld rechnen.

Das Stück zeigt einen Lehrer, der in einer sogenannten ASSI-Stunde (die Abkürzung steht für Arbeit-statt-Strafe-Integrationskurs) für seine Schüler kämpft und versucht, sie auf den rechten Weg zu bringen – weg von Kleinkriminalität und Disziplinlosigkeit, hin zu mehr schulischem Engagement. Doch er kommt nicht an sie heran. Die Hausmeisterin, die die Familie des Haupt-Störenfrieds auch privat kennt, hat etwas mehr Erfolg. Da sie aus der DDR stammt und für den Kommunismus schwärmt, liest Samir, der sonst mit Drogen dealt, das Kommunistische Manifest – und zettelt eine Revolution an.

Auf einmal sehen sich die Schüler als Proletariat, also als ausgebeutete und entrechtete Klasse. Sie eignen sich die Produktionsmittel an, indem sie das Schulgebäude besetzen. Sie wollen selbst bestimmen, was gelernt wird und wer unterrichten darf. Die Direktorin ist begeistert, weil diese Aktion ihre Schule  in die Schlagzeilen bringt. Sie spielt den Schülern sogar eine Pistole zu, um den Skandal größer zu machen. Die Polizei rückt an, doch am Ende des Stücks steht kein Blutbad, sondern ein typischer Comedy-Schluss: Niemand wird verletzt und alle sind glücklich.

Im Theater von Constanze Behrends geht es eher um Pointen, als um die Auseinandersetzung mit  ersten Problemen. Da schmettern die Neuköllner Schüler ein Lied der DDR-Jugendorganisation FDJ, das sie für ihre Zwecke umdichten. Sie singen nicht "Bau auf, Bau auf!", sondern "Wach auf, Wach auf! Neue deutsche Jugend, wach auf!" – welche geschichtliche Bedeutung dieses Lied hat und für welche Ideologie es steht, ist im Kontext der Aufführung völlig egal.

Auch die Neuköllner Schulmisere kommt nur oberflächlich vor. Es geht um Reizthemen, die jeder kennt – Gewalt auf dem Schulhof, Sanierungsrückstau und natürlich die Rütli-Schule, die nach dem Brandbrief 2006 so hervorragend umgestaltet wurde, das sie heute als Vorzeige-Campus gilt. Natürlich drängt sich die Frage auf, warum das an anderen Neuköllner Schulen nicht genauso gemacht werden kann. Aber darauf will die Inszenierung keine Antwort geben. Constanze Behrends lässt einfach nur eine herzlose Schulinspektorin auftreten, die verkündet, für größere Veränderungen sei einfach kein Geld da.

Ihren Schwung holt die Inszenierung aus der Musik. Da dröhnen HipHop-Beats aus den Boxen und Samir, der von Walid Al-Atiyad gespielt wird, grölt Straßenslang-Kraftworte ins Mikrofon. Der Rhythmus  holpert, aber die Haltung stimmt. Klasse ist auch, wenn andere Theaterformen parodiert werden. Wenn Constanze Behrends als Schuldirektorin sagt: "Ich singe jetzt ein Lied, um meine Aussage zu untermauern", ist Brecht nicht weit, und Tom-Veit Weber, der als engagierter Lehrer zur Gitarre greift, um seinen Schülern im Liedermacher-Stil ins Gewissen zu singen, zeigt demonstrativ, dass er die Saiten des Instruments gar nicht berührt. Die Musik kommt aus der Konserve - alles ist nur Theater und natürlich nur ironisch gemeint. Hinter dieser Haltung kann man sich wunderbar verstecken.

Was dem Stück fehlt, ist ein wirklicher Aufschrei – es geht schließlich um Probleme, die nicht zum Lachen sind. Die Schüler berichten, dass sie sich in Deutschland nicht heimisch fühlen, obwohl sie alle einen deutschen Pass haben. Im Verlauf der Revolte wird die Hausmeisterin gefesselt und mit dem Revolver bedroht. Doch das bleibt ohne Folgen. Constanze Behrends zieht sich mit Gags und unwahrscheinlichen Handlungsumschwüngen aus der Affäre, um ein Happy End hinzukriegen.

Komisch ist das allemal, und doch bleibt ein schaler Beigeschmack. Der sich ankündigende "Klassenkampf" wird mit harmlosen Pointen begraben. Schade.

Oliver Kranz, kulturradio

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