Julius Eastman © Donald W. Burkhardt
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MaerzMusik - Julius Eastman

Bewertung:

Eine große Entdeckung des Festivals - "Evil Nigger", "Crazy Nigger", "Gay Guerilla" ist eine hochgradig herausfordernde, an die Substanz für Spieler und Hörer gehende Musik.

Julius Eastman war schwarz, schwul, Tänzer, Musiker, Komponist - und sicher kein einfacher Mensch. In die Institutionen ließ er sich nicht integrieren und so endete er völlig verarmt, seine Musik zum großen Teil verloren, starb an AIDS. Diese und andere Informationen finden sich bei der MaerzMusik nicht im nur die Titel nennenden A4-Blatt und auch nur ganz rudimentär im broschierten Heftlein, das frei ausliegt. Man findet sie, nur auf Englisch, im kiloschweren Programmbuch.

Verzweiflung in Klangspektren verwandelt

 In der Mitte des wiederbelebten Konzerts vom 16. Januar 1980 an der Northwestern University wird dann ein sehr berührendes aufgezeichnetes Statement von Eastman eingespielt, natürlich auf Englisch. Hier muss sich das Festival dringend überlegen, ob nicht zu jedem Programm mindestens auf das erwähnte A4-Blatt ein elementarer deutscher Text gehört. Will man alle nicht dieser Sprache Mächtigen von Informationen und Hintergrund ausschließen?

Evil Nigger, Crazy Nigger, Gay Guerilla für 4 Klaviere (oder, wie Eastman uns erzählt, für jede Art Instrumente!) ist eine hochgradig herausfordernde, an die Substanz für Spieler und Hörer gehende Musik. Über weite Strecken durchgehende Sechzehntel, häufig im Fortissimo gehämmert, nur ganz kurz unterbrochen fast 2 Stunden. Es ist eine Musik der erfahrenen und umgewendeten Gewalt, der Verzweiflung in Klangspektren verwandelt, aber auch in den wenigen stillen Momenten der Verletzlichkeit, der Zärtlichkeit.

Eine große Entdeckung des Festivals

Die Vibrationen gehen den Hörern durch und durch, sie können aber auch absolut quälend und körperlich schmerzend werden. Niemals sind diese Klänge primitiv, es ist eine raffinierte Gewalt. Eastman erforscht sich gnadenlos und mit Pathos, erspart aber auch seinen Hörern nichts. Man kann sich vor Ernst Surberg, Christoph Grund, Julie Sassoon und Malgorzata Walentynowicz nur verbeugen, sie haben physisch und musikalisch Unglaubliches geleistet an diesem Abend.

Allerdings war ich nicht mehr in der Lage, auch nur einen Ton mehr zu hören. Uriel Barhélémis "The Unbreathing", zu dem schon Ohrstöpsel wegen der Lautstärke der Drums und der Elektronik bereitlagen, wäre mir nicht mehr möglich gewesen. Stattdessen klang und hämmerte es mir noch lange nach. Eine große Entdeckung des Festivals.

Clemens Goldberg, kulturradio

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