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Grips-Theater - "Nasser #7Leben"

Bewertung:

Nasser El-Ahmad lebt in Berlin als Sohn einer streng muslimischen Familie. Der Konflikt mit seiner Familie bricht aus als er sein Coming-out erlebt. Ein berührendes Stück - witzig, verspielt und trotzdem ernst.

Der 15jährige Nasser wächst in einer libanesisch-stämmigen, muslimischen Familie auf – als seine Eltern erfahren, dass er schwul ist, wollen sie ihn erst zwangsverheiraten, später sogar töten. Das klingt krass, aber noch viel krasser ist: All das hat sich genau so in Berlin abgespielt, Nassers Geschichte ist wahr. Mittlerweile ist der junge Mann mit dem Berliner Respektpreis ausgezeichnet worden, weil er mutig für sein Recht kämpft, ein homosexueller, gläubiger Moslem zu sein.

Ein Krimi

Bei der Premiere im Podewil saß Nasser im Publikum, zusammen mit vielen Leuten aus der LGBT-Community. Zum Applaus kam er auf die Bühne – und es war bewegend, ihn dort strahlen zu sehen, nachdem man gerade miterlebt hatte, was für einen schwierigen Weg er gegangen ist.

Alles, was wir sehen, hat Nasser wirklich erlebt. Die Autorin Susanne Lipp hat ihn lange begleitet: Vom ersten Gespräch bis zur Uraufführung hat es jetzt fast zwei Jahre gedauert. Die Geschichte setzt ein, als Nasser 15 ist. Wir lernen seinen strengen Vater und seine liebevolle Mutter kennen, dann folgt sehr schnell die Flucht. Er kommt in einer WG vom Jugendamt unter, wird dann aber von seiner Mutter verraten und von seinem Vater und seinem Onkel entführt. An der türkischen Grenze kann er auf sich aufmerksam machen und wird sicher nach Deutschland zurückgebracht.

Das klingt nach einem spannenden Krimi – auf der Bühne ist es eher berührend als aufregend. Man weiß von vorne herein, dass Nasser es schaffen wird. Nicht nur, weil er im Publikum sitzt, sondern weil der Schauspieler David Brizzi sich ganz zu Anfang als Nasser an die Zuschauer wendet und erklärt, dass er nun aus seiner Vergangenheit erzählen wird. Seine drei Schauspielerkollegen benutzt er für diese Geschichte, sie schlüpfen in die Rolle der Eltern und der Schwester, aber auch in die Rolle der Sozialarbeiter und Grenzbeamten. Der typische Grips-Mutmachereffekt steht klar im Zentrum: Man kann es schaffen, man kann für sich einstehen, es gibt immer einen Ausweg.

Multimedial

Die Regisseurin Maria Lilith Umbach spielt viel mit Internet und Video, das passt gut zum Jugendstück. Nach Nassers Outing werden verzerrte, maskierte Gesichter und Hundeköpfe auf die Bühne projiziert – wie im anonymen Internet. Diese Gesichter kommentieren das Leben des schwulen Moslems Nasser – voller Hass oder voller Bewunderung.

Viel zu kurz kommt an diesem Abend jedoch die Religion. Am Anfang wird ein Video eingespielt, das die Geschichte von Sodom und Gomorrha erzählt – mit Playmobilfiguren und viel Ketschup, das ist zugleich lustig als auch künstlerisch toll. Es bleibt nur leider kryptisch – kaum zu verstehen, was das Gleichnis mit Homosexualität zu tun haben soll. In der späteren Szene mit den Grenzbeamten spricht Nasser zumindest darüber, dass das, was sein Vater Islam nennt, nicht das ist, was im Koran steht. Aber es bleiben lediglich kleine Fetzen.

Witzig, verspielt und trotzdem ernst

Das Theater hat sich entschieden, eine Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen, über das Einstehen für sich selbst, auch gegen Widerstände. Es ist vorrangig kein Abend über Religion. Aber genau das geht nicht wirklich auf: Nassers Geschichte ist deshalb so aktuell und so bestürzend, weil er aufgrund der Religion seiner Familie von dieser Familie diskriminiert wird. Gerade weil Nasser sich im echten Leben ganz deutlich zum Islam bekennt, hätte man den Aspekt noch stärker thematisieren müssen. In dieser Verkürzung bleibt nun doch der Eindruck zurück: Alle muslimischen Männer denken so wie Nassers Vater und wollen ihre Kinder lieber tot als schwul sehen.

Trotzdem: Die Inszenierung ist gelungen, sie ist witzig, verspielt und trotzdem ernst, aber nicht zu düster. Nasser ist kein Typ mit Zeigefinger, sondern ein richtiger Kumpel, auf Augenhöhe mit den jugendlichen Zuschauern. Diesen Jugendlichen hätte man noch mehr zutrauen können. Der Abend geht nur 70 Minuten – vielleicht hat man doch die eine oder andere Szene zu viel rausgeschnitten. In einer früheren Textfassung von Susanne Lipp steckt jedenfalls mehr drin. Nichtsdestotrotz ist es ein berührendes Stück für Jugendliche, die gerade ihre ersten Erfahrungen in der Liebe machen. Egal, ob nun hetero- oder homosexuell. 

Barbara Behrendt, kulturradio

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