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Berliner Philharmonie - Berliner Philharmoniker unter Zubin Mehta. Mit Anoushka Shankar

Bewertung:

Das erlebt man nicht alle Tage bei den Berliner Philharmonikern: einen Auftritt der Sitar-Spielerin Anoushka Shankar. Altmeister Zubin Mehta steht am Pult und dirigiert das Konzert für Sitar und Orchester von Ravi Shankar, das er vor gut dreieinhalb Jahrzehnten uraufgeführt hat.

Weltmusik in der Philharmonie. Wobei dieser Terminus natürlich eher eine Hilfskrücke ist für sehr Verschiedenartiges, das darunter subsumiert wird. Was aber damit gemeint ist: Diese Musik ist keine Folklore, sondern zwar regional erkennbar verortet, aber gewissermaßen doch neu erfunden.

Das tut Anoushka Shankar, wenn sie auf der Sitar improvisiert oder eigene Stücke spielt. Und auch Ravi Shankar, dessen zweites Sitar-Konzert zur Aufführung kam, hat darin Weltmusik geschrieben, wenn er die indische Langhalslaute Sitar auf ein klassisches Sinfonieorchester treffen lässt.

Kein Crossover, aber doch etwas zu lang

Die Gefahr des simplen Crossover umgeht Ravi Shankar in seinem Konzert sehr geschickt, indem er vor allem im ersten Satz klanglich sehr raffiniert ähnliche Klänge kombiniert. Direkt hinter der Sitar ist die Harfe aufgebaut und bildet gewissermaßen das Echo der Sitar. Ravi Shankar versucht nicht krampfhaft, Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammenpassen. Er trennt Solo und Orchester, indem er der Sitar improvisatorischen Freiraum gibt, das Orchester innehält und nur mit einem leisen statischen Klangteppich begleitet.

Auch das Sinfonieorchester hat ausgedehnte eigene Strecken, in denen dessen Solisten glänzen können, allen voran Solo-Geige und die Trompete. Dass der Orchesterpart dann doch ein bisschen klischeehaft nach 1001 Nacht klingt und das Stück mit einer ganzen Stunde Aufführungsdauer viel zu lang ist, wenn es sich am Ende nur noch wiederholt, ist die Kehrseite.

Eine Erscheinung

Anoushka Shankar ist allein schon äußerlich eine Erscheinung. Ihr Instrument erfordert bereits, dass sie nicht einfach als Solistin an der Rampe stehen kann. Statt dessen ist ein Podium aufgebaut, auf dem ein Orientteppich ausgerollt ist. Barfuß, mit rotem Oberteil und kräftig-blauem Kleid, nimmt sie darauf Platz. Im Konzert selbst ist sie mal mit dem Orchester eng verzahnt und hat dann Freiräume für kleinere Improvisationen. Ihr Instrument ist elektronisch verstärkt; sonst wäre es zu leise gewesen gegen das Orchester.

Die Abstimmung funktioniert hervorragend; ein winziges Kopfnicken von ihr deutet Maestro Zubin Mehta an, dass es mit dem Orchesterpart weitergehen kann. Welch unglaubliche Virtuosin sie ist, konnte sie indes erst bei der Zugabe zeigen – mit einem eigenen Stück. Was davon indischer traditioneller Musik nachempfunden und was ganz neu erdacht war – das war da schon ziemlich egal. Diese Zugabe hat dann einfach nur Spaß gemacht.

Futter für hervorragende Orchestersolisten

Diesem Sitar-Konzert Béla Bartóks Konzert für Orchester an die Seite zu stellen, ist durchaus nachvollziehbar. Hier wie da finden sich dankbare Solostellen, und Bartóks Werk heißt auch ganz bewusst eben nicht Sinfonie, sondern Konzert.

Neben den Stellen, in denen das Orchester als ganzes massiv auftritt, finden sich immer wieder Soli oder Instrumentengruppen. Aber auch abgesehen davon ist das brillante Stück ideal für jedes Spitzenorchester, und warum sollten sich gerade die Berliner Philharmoniker mit ihren wunderbaren Solisten das entgehen lassen?!

Harmlos und zäh

Eigentlich hätte da nichts schief gehen können – und es missglückte fast alles. Schon technisch: Bartóks Konzert für Orchester verlangt Durchsichtigkeit, scharfe Brillanz und die rhythmische Präzision eines Uhrwerks. Hier gab es am Beginn überhaupt kein erkennbares Tempo, und im weiteren Verlauf entpuppte sich die Aufführung als zäher Lindwurm, der sich durch den Dschungel wälzt – die Streicher zu dick, die Rhythmen eher behäbig.

Und interpretatorisch? Sicher, Zubin Mehta wollte erkennbar die emotionale Seite des Werkes herausarbeiten. Man darf nicht vergessen: Bartók hat das im Exil geschrieben, mitten im Zweiten Weltkrieg. Nur: einfach laut und mit der Brechstange vermittelt sich das nicht. Trauer, Wut, Sarkasmus, also alles das, was die Musik nicht nur brillant, sondern erschütternd werden lässt, hat nicht stattgefunden. Dazu war es zu massig und im Ergebnis zu harmlos. Natürlich haben sich die Berliner Philharmoniker irgendwann darauf besonnen, dass ein Weltklasseorchester die Sache auch in die eigene Hand nehmen kann, und solistisch war manch Hörenswertes dabei. Aber gemessen an dem, was dieses Orchester mit diesem Werk hätte beweisen können, war die Aufführung eine Enttäuschung.

Andreas Göbel, kulturradio

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