Fazil Say, 2016; Foto: © Marco Borggreve
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Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal - Fazıl Say

Bewertung:

Ein Konzert mit türkischer Musik ist gegenwärtig ein Politikum. Dafür sprachen schon die vor der Tür verteilten Zettel mit "Hayır!" – "Nein!" zum Referendum.

Drinnen musste dafür wohl kaum jemand überzeugt werden, aber Fazıl Says Musik ist ein Politikum. Vor allem sein Klavierkonzert von 1994 kündet von Gewalt und Massakern, in faszinierenden Klängen und sehr eindringlich. Dagegen ist das im Jahr 2016 entstandene Kammerkonzert sehr viel folkloristischer. Verborgen sind aber doch auch politische Botschaften: etwa die Musik der Roma, deren Istanbuler Viertel gänzlich verschwunden ist und Neubauten der Großmannssucht weichen musste.

Wie anziehend der Orient ist, vermittelten die Musiker der Kammerakademie Potsdam mit größter Hingabe und erstaunlich lockerem Groove. Auch Fazıl Say ist ein besonders eindrücklicher Anwalt seiner Musik.

Stereotype beherrschte das Türken-Bild der Wiener Klassik, etwas Haydns Ouvertüre zu "Armine" oder die Janitscharenmusik von Joseph Martin Kraus. Auch hier bewies die Kammerakademie Stilsicherheit und Überzeugungskraft, allerdings bleibt man doch angesichts der dargebotenen Überlegenheit des Westens über die vorzugweise militärische Kultur des Ostens nachdenklich zurück.

Mozarts Klavierkonzert geriet zur manchmal etwas lauten Jam-Session, Fazıl Say tauchte den Saal beim leider ohne Deckel bedienten Flügel oft in ein tiefes Klangmeer. Die Besetzung ließ den Saal an die Grenzen kommen, allerdings auch hier: große Musizierfreude ohne Puderperücken.

Clemens Goldberg, kulturradio

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