RIAS Kammerchor; © Matthias Heyde
Matthias Heyde
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Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal - RIAS Kammerchor unter James Wood

Bewertung:

"Klang der Stille" – wie das geht, hat der RIAS Kammerchor beeindruckend unter Beweis gestellt und seine Spitzenstellung auch im Bereich der zeitgenössischen Musik eindrucksvoll untermauert.

"Klang der Stille" – das erscheint zunächst wie ein Widerspruch. Aber das klärt sich rasch auf, da alle drei Stücke des Abends nicht nach abendländischer Dramaturgie funktionieren, also nicht nach dem Schema: Beginn, Roter Faden bis zum Schluss. Vielmehr sind alle Klänge Einzelereignisse für sich. Und wo es keine Dramaturgie dieser Art gibt, liegt der Fokus ganz auf dem Einzelklang, der sich aus der Stille entwickelt und in sie zurückfindet.

Das hat zur Folge, dass man die Stille als Teil der Stücke wahrnimmt – als Teil der Musik, die abwesend sein kann, aber das, was dazwischen (nicht) erklingt, ist mitunter mächtiger als der Klang an sich.

Der Klassiker: Feldmans "Rothko Chapel"

Morton Feldman hat sein Chorwerk "Rothko Chapel" nach dem Freitod des amerikanischen Malers Mark Rothko für die in Houston, Texas erbaute Rothko Chapel geschaffen. Eine Klangskulptur aus drei Elementen: eine Melodie der Bratsche, ein wenig Schlagzeugtremolo und immer wieder dichte Klangakkorde des Chores.

Wie fast immer bei Morton Feldman bewegt sich das an der Schwelle der Hörbarkeit. Faszinierend an der Umsetzung durch den RIAS Kammerchor war die Tatsache, dass man keine Singstimmen zu hören glaubte, sondern Instrumente. Die tiefen Stimmen waren Celli und Kontrabässen ähnlich, die hohen den Holzbläsern. Trotzdem alles eben "nur" dichte Singstimmen. Jeder Klang war der Stille dazwischen abgerungen – und somit ein großes Geschenk!

Die Naturbeschwörung: Hosokawas "Herzensgrund"

Japanische Musik hat oft mit Natur und Naturgewalten zu tun. Toshio Hosokawa hat sein Chorwerk "Mein Herzensgrund, unendlich tief" lange vor der Tsunami-Katastrophe von 2011 komponiert, es aus heutiger Sicht aber als Vorahnung darauf gesehen. Sicher: Man kann das alles hineinhören. Es beginnt und endet mit Wind- und Meeresrauschen, alles nur erzeugt durch die Sängerinnen und Sänger. Jeder hat diese Geräusche schon einmal gehört, aber wie zerstörerisch das alles sein kann, weiß man durch diese Ereignisse.

Aber auch darüber hinaus ist es ein faszinierendes Werk, weil es die Frage stellt, wo die Stille aufhört und die Musik beginnt. Ist Rauschen Stille, weil es eben "nur" Natur und eigentlich nicht Musik ist? Dieser Grenzbereich, der hier ausgelotet wurde, hat unglaublich fasziniert.

Persische Lyrik in Dauererregung

Was sollte nach zwei so starken Stücken noch kommen? Der RIAS Kammerchor hat beim Dirigenten des Konzerts, James Wood, ein neues Werk bestellt. Der hat sich persische Lyrik des 13. Jahrhunderts genommen und eine Art Konzert für Schlagzeug und Chor daraus gefertigt. Nicht weiter verwunderlich: James Wood hat jahrzehntelange Erfahrung als Chordirigent und daneben auch Schlagzeug studiert. Das alles sollte zusammenwirken – und scheiterte doch am eigenen Anspruch.

Die ganze Bühne ist mit Schlaginstrumenten voll. Das wirkt wie in einem Trödelladen zwischen Gongs und Marimbaphonen und noch vielem mehr. Der Chor hat eine sehr dichte, eng geschichtete Partitur erhalten, und das Gesamtergebnis ist eine mit vierzig Minuten viel zu lange Dauererregung, ohne dass tatsächlich etwas passiert. Gut gemeint, sicher, aber wo die anderen beiden Werke so streng und sparsam mit ihren Mitteln umgehen, wirkte "Khamush" von James Wood einfach zu geschwätzig.

RIAS Kammerchor mit Neue Musik-Kompetenz

Eines muss man festhalten: Keines der drei Werke hätte so wunderbar aufgeführt werden können ohne die Weltklasse-Qualität des RIAS Kammerchors. Selbst die halb missglückte Uraufführung muss man mit ihren dicht geschichteten Höchstschwierigkeiten erst einmal umsetzen können.

Der RIAS Kammerchor ist einer der stilistisch flexibelsten Chöre überhaupt. Ob ein Händel-Oratorium oder wie jetzt Neue Musik – das bewegt sich auf gleichermaßen höchstem Niveau. Und man darf auch James Wood bescheinigen, dass er die Klasse, die er als Komponist nicht gezeigt hat, als Chorleiter durchaus besitzt. Und von seinem eigenen Stück mal abgesehen war das ein beglückender Abend.

Andreas Göbel, kulturradio

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