Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin; © Molina Visuals
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Konzerthaus Berlin - Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und RIAS Kammerchor

Bewertung:

Zwei designierte Chefs in einem Konzert: Vladimir Jurowski übernimmt ab der kommenden Spielzeit das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Justin Doyle den RIAS Kammerchor. Und beide haben jetzt schon auf beglückende Weise zusammengearbeitet.

Man versteht sich ohne größeren äußeren Aufwand. Vladimir Jurwoski leitet sein künftiges Orchester mit sehr klaren, knappen Bewegungen. Mehr braucht es nicht. Die Musikerinnen und Musiker engagieren sich; man spürt, in den Proben ist alles verstanden worden, und das Ergebnis ist Farbigkeit, Klarheit, Genauigkeit.

Sicher, das alles hat das RSB auch schon unter dem langjährigen Vorgänger Marek Janowski erarbeitet und oft gezeigt. Jetzt unter Jurowski scheint aber ein bisschen der Zuchtmeisterdruck aufgehoben zu sein. Man hat das Gefühl, es geht auch ohne Peitsche, und das sogar noch besser.

Spiritualität und Trauer

Ein ungewöhnliches Programm für ein Abonnementskonzert, aber in der Kombination eine schöne Idee. Das Thema ist Spiritualität. Bei Mozarts "Requiem" versteht sich das von selbst. Mozarts "Maurerische Trauermusik", die der Komponist als Mitglied der Freimaurer schrieb, ist ein kurzes Werk von gerade einmal fünf Minuten Dauer, schockierend lakonisch zwischen Abgrund und Hoffnung hin- und hergeworfen.

Eine ideale Weiterführung ist da die vierte Sinfonie von Arvo Pärt, ein Werk, in dem sich der Komponist mit der Idee des Schutzengels auseinandersetzt. Hier gibt es langgezogene Streicherklänge und dazwischen punktuell eingestreute glockenartige Akzente von Harfe und Schlagzeug. Eine halbe Stunde schwebende Trauer. Der Pärt schien aus dem Mozart geradezu hervorgegangen zu sein.

Jurwoskis Klanggespür

Das alles ist emotional höchst anspruchsvoll und fordernd und für so manchen nicht einfach zu hören. Nach der Sinfonie war der Beifall zunächst zurückhaltend; ansatzweise waren sogar leichte Buhs zu vernehmen, und erst als sich der Komponist auf der Bühne zeigte, gab es aus dem Publikum dann Jubel und Ovationen.

Wie setzt man so etwas um, ohne dass es unfreiwillig eintönig wird? Vladimir Jurwoski verzichtete ganz auf falsches Pathos, sondern setzte auf den einzelnen Moment. Äußerlich passierte tatsächlich nicht viel, aber in den vielen kleinen Details blieb es nie stehen. Die vielen Glockenschläge könnten leicht kitschig wirken, aber hier löste jeder Schlag eine neue Klangfläche der Streicher aus – faszinierend. Wirklich beklemmend waren die vielen Pausen, die eine Dichte erreichten, dass man den Atem anhielt und fast erleichtert aufatmete, wenn es dann doch weiterging.

Ähnlich detailversessen ging Vladimir Jurowski an das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart heran. Schlussakkorde etwa waren bei ihm nie einfach laut und Signal, dass etwas zu Ende ist, sondern wurden leiser – bis zum Verklingen hat sich etwas ereignet. Nur wenige Beispiele für das unglaubliche Klanggespür von Jurowski.

Doyles Ausdifferenzierung

Egal wie oft man dieses "Requiem" gehört hat, man entdeckt immer Neues – zumal bei einer solchen Luxusbesetzung wie mit dem RIAS Kammerchor. Wenige Monate ist es erst her, da hat das Ensemble dieses Werk mit dem Freiburger Barockorchester in Berlin aufgeführt. Schon da unter René Jacobs war es eine gleichermaßen sinnliche wie intelligente Aufführung. Man glaubte, dass es doch gar nicht mehr besser zu machen geht.

Diesmal war es sogar noch eine Spur ausdifferenzierter. Die verschiedenen Einsätze im kontrapunktischen Satz waren von schneidender Trennschärfe, die massiven Blöcke an keiner Stelle wirklich laut, aber man hatte das Gefühl, dass man direkt angesungen wird, keine Chance zu entkommen hat und eine persönlich gemeinte Botschaft erhält, zumal bei einer solchen Textgenauigkeit bis in die kleinste Silbe.

Auch hier spürt man schon die hervorragende Arbeit von Justin Doyle, und man kann sich schon jetzt auf zahlreiche herausragende Konzerte freuen, wenn er ab der kommenden Spielzeit Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des RIAS Kammerchors wird.

Gemeinsame Höchstform

Einziger Wermutstropfen war das Solistenquartett – einfach zu uneinheitlich besetzt mit einem Bass, der Mozart mit Wagner verwechselte, und einer offenkundig indisponierten Altstimme.

Chor und Orchester jedoch trafen sich in gleicher ästhetischer Herangehensweise. Wenn beide das Maximum wollen, kann es leicht zu dick werden. Hier aber erreichte die Musik bei aller emotionaler Schwere eine erstaunliche Leichtigkeit, die dafür sorgte, dass nichts verklebte. Und so haben beide, Rundfunk-Sinfonieorchester und RIAS Kammerchor, zu gemeinsamer Höchstform gefunden.

Andreas Göbel, kulturradio

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