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Schaubühne am Lehniner Platz - "Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken"

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An der Berliner Schaubühne hat das "Festival Internationale Neue Dramatik" begonnen, kurz: FIND. Unter dem Motto "Demokratie und Tragödie" soll der Zustand der heutigen Demokratie erforscht werden. Dafür hat die Schaubühne Theatermacher aus Europa eingeladen, aus den USA, Südamerika und Iran.

Zur Eröffnung wurde die Inszenierung "Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken" von Angélica Liddell gezeigt. Die spanische Performance-Künstlerin ist bekannt für ihre radikalen Auftritte, bei denen sie masturbiert oder sich mit Rasiermessern ritzt. Diesmal konnte Liddell jedoch nicht selbst mit Extrem-Aktionen schockieren – sie ist zwar Autorin und Regisseurin des Abends, auf der Bühne stehen aber sechs Schaubühnen-Schauspieler. Zum ersten Mal inszeniert die Künstlerin einen eigenen Text mit einem deutschen Ensemble.

Horrorszenario für Europas Zukunft

Doch die deutschen Schauspieler können Liddells Präsenz kaum ersetzen. Die Spanierin ist eine Performerin durch und durch. Man mag es zu exzessiv oder zu plakativ finden, was sie dem Zuschauer oft an Sado-Masochismus zumutet, aber sie beglaubigt diese Aktionen mit Haut und Haar – wenn sie sich foltert oder sich in Ekstase spielt, ist stets der Schmerz ihrer ganzen Person spürbar sowie die Bereitschaft, über alle körperlichen Grenzen hinweg zu gehen. Das ist keine Rolle, die man so einfach mit einem Stadttheater-Schauspieler einstudieren kann. Wenn sich Veronika Bachfischer auf der Bühne unter den Rock fasst und masturbiert, dann wirkt das schlicht ein wenig peinlich. Und wenn die Schauspieler auf Kommando Stühle zertrümmern und bis zur Erschöpfung eine Runde nach der anderen über die Bühne rennen, dann scheint das eine Pflichtübung zu sein und keine körperliche Übersprunghandlung.

Im weitesten Sinne lässt sich der Abend unter das Festival-Motto "Demokratie und Tragödie" stellen. Liddell hat das Stück vor über zehn Jahren geschrieben, als die Amerikaner in den Irak einmarschierten. Sie entwirft ein Horrorszenario für Europas Zukunft: Der Kontinent hat sich abgeschottet, sämtliche Araber wurden umgebracht und man lebt im Zeitalter der "Sicherheit" – es gibt keine äußeren Feinde mehr. Die Angst der Menschen aber bleibt. Und das Monströse in ihnen sucht sich ein anderes Ventil. Jetzt bringen sie sich gegenseitig um – oder sie töten, wie der Titel besagt, einen Hund in der Chemischen Reinigung.

Gedankliche Kurzschlüsse

Liddell imaginiert diese Dystopie als direkte Folge der Aufklärung. Sie zitiert Diderot und kritisiert Rousseaus Gesellschaftsvertrag, der besagt, der Einzelne müsse ein Teil seiner persönlichen Freiheit aufgeben zugunsten der gesellschaftlichen Ordnung. Liddell wirft mit Gedankenschnipseln von Philosophen umher, aber es bleibt beim puren Namedropping und bei gedanklichen Kurzschlüssen. Die Aufklärung als Ursache für ein sich abriegelndes Europa – ein intellektuell doch ziemlich unterkomplexer Befund. Zudem ist es wenig überraschend, wenn eine Künstlerin sich für Freiheit und Anarchie ausspricht und die staatliche Ordnung ablehnt. Liddell verquickt dieses Thema zusätzlich mit der angeblichen Versklavung des Schauspielers. Damir Avdic beklagt sich in Endlosschleife, dass es für das Theater billiger sei, einen Schauspieler zu buchen, der einen Hund spielt, statt einen Hund zu engagieren.

Pseudo-Provokation

Auch ästhetisch kann der Abend nicht überzeugen. Sechs Schauspieler schreien sich und das Publikum fast drei Stunden lang an, strecken den Zuschauern den nackten Hintern entgegen und beschimpfen sie. Sie randalieren, wühlen im Dreck – und ziehen noch viele weitere Klischees aus der Mottenkiste des Performance-Theaters. Provokant soll die Szene sein, in der das Saallicht angeht und Damir Avdic alle Zuschauer, denen das Stück nicht gefällt, auffordert zu gehen. Das tun etwa 20 Leute – weniger aus Empörung als aus bloßer Langeweile. So zumindest formuliert es eine Zuschauerin beim Verlassen des Saals. Wer geblieben ist, hat es später womöglich bereut: Es folgten weitere anderthalb Stunden mit Pseudo-Provokationen. Kraftvolle Bilder haben sich dagegen nicht eingebrannt. Man hört ein bisschen Barock-Musik, ein bisschen David Bowie und ein bisschen Radiohead – und so beliebig wie die Musikauswahl wirkt letztlich der komplette Abend.

Barbara Behrendt, kulturradio

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