Pierre Boulez Saal: Daniel Barenboim im Saal; © Carsten Kampf
Carsten Kampf
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Pierre Boulez Saal - Schuberts "Winterreise" mit Christian Gerhaher und Daniel Barenboim

Bewertung:

Wenn sich Christian Gerhaher und Daniel Barenboim Schuberts "Winterreise" vornehmen, darf man Bewegendes erhoffen – und wird nicht enttäuscht. Schuberts Musik verbindet sich mit der Interpretation beider Künstler zu einer erschütternden Botschaft.

Der neu eröffnete Pierre Boulez Saal verfügt über eine unglaubliche Unmittelbarkeit, eine große Direktheit. Das Gefühl einer Wohnzimmeratmosphäre entsteht – und der Eindruck, der Sänger steht direkt vor einem. Man hört einfach alles – kurz: eine Akustik für Profis.

Schwierig ist bei Liederabenden in Sälen mit Publikum rundherum die Aufgabe, dass möglichst wenige den Sänger von hinten (nicht) hören. Christian Gerhaher stellte sich daher hinter den Flügel – auf die Gefahr, dass die Begleitung zu laut wird. Aber auch das schreckt wahre Profis nicht.

Christian Gerhaher, Bariton; Foto: © Carsten Kampf

Zu schön um wahr zu sein

Christian Gerhaher macht sofort klar, dass Schubert in diesem Liederzyklus aller Liederzyklen weit über das hinausgeht, was zu seiner Zeit als "Lied" gegolten hatte. Er verfolgt das Radikale und Unberechenbare, beginnt ganz fahl und riskiert Ausbrüche, die alles zum Vibrieren bringen. Klar: Da ist jemand in einer Ausnahmesituation, die sich allem "Vernünftigen" entzieht.

Dabei ist alles bis ins kleinste Detail gearbeitet, insbesondere das Verhältnis bei Schubert von Moll – harter Realität – und Dur – Traum, Illusion, kurz: das, was nicht ist. Exemplarisch vorgeführt im "Lindenbaum", wo aus einer Tonlosigkeit (Moll) am Beginn der zweiten Strophe dann (Dur) ein leichtes Glänzen in die Stimme gerät. Nur ganz dezent, aber doch zu schön um wahr zu sein. Diese differenzierte Gestaltungskunst macht Gerhaher derzeit kaum jemand nach.

Zweite Ebene

Das Beste daran: Diese "Winterreise" ist frei von Selbstmitleid und Wehleidigkeit. Wie oft hat man da schon achtzig Minuten Gejammer über das eigene Elend gehört. Gerhaher zieht vielmehr eine zweite Ebene ein: der Rückzug ins Private, der doch vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass zu Schuberts Zeit unliebsame politische Äußerungen durch die Zensur unterdrückt wurden.

Bei Gerhaher ist es nicht das Liebesleid eines einzelnen Wanderers, sondern ein Aufbegehren, ein Zorn, der sich letztlich nicht mit der Welt in ihrem derzeitigen Zustand abfinden will. Im letzten Lied, dem "Leiermann", wo alles erstarrt und tot ist, singt so bedrohlich, als ob er es der Welt noch einmal zeigen will. Das ist ganz große Interprerationskunst, eine der besten "Winterreisen" der letzten Jahre.

Einschüchternd, aber gut

Daniel Barenboim gehört zu den Liedpartnern, die nicht begleiten. Er ist präsent, kommentiert die Singstimme und setzt etwas dagegen. Er ist – sehr sympathisch – nicht der Pianist, der immer leiser sein will als der Sänger, sondern er fordert heraus, beansprucht Aufmerksamkeit und beleuchtet die Lieder eigenständig.

Das wäre für manchen Sänger allzu einschüchternd – für Christian Gerhaher ist es genau das Richtige. So entspinnt sich eine Kommunikation, eine Unterhaltung, auch bisweilen eine Diskussion. Besonders im Ohr bleibt der Beginn des "Wegweisers": Barenboim interpretiert das Vorspiel zu diesem Lied intensiv, geradezu bohrend. Christian Gerhaher unterläuft das, indem er fast emotionslos beginnt. Das ist dialogisch und unglaublich aufregend.

Erschütternd und begeisternd

Auch Daniel Barenboim hat sich seine zweite Ebene vorbehalten. Dort, wo Christian Gerhaher im "Leiermann" bedrohliches Aufbegehren durchscheinen lässt, vermittelt Barenboim noch eine ganz andere Botschaft. Eigentlich ist hier alles zu Ende, verloren, aussichts- und illusionslos.

Daniel Barenboim setzt seinen Klavierpart hier ganz unter eine Zärtlichkeit und Wärme, entlockt den spärlichen Figuren ein Maximum an Ausdruck. Und das passt, nicht zuletzt zu ihm, der bei allen Konflikten in dieser Welt ganz auf Verständigung setzt. So hoffnungsvoll ist wohl noch nie eine "Winterreise" zu Ende gegangen. Eine Aufführung, die man durchgeschüttelt verlässt, erschüttert – und letztlich begeistert.

Andreas Göbel, kulturradio

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