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Volksbühne Berlin - "Faust"

Bewertung:

Frank Castorf verabschiedet sich mit einer Marathoninszenierung. Der "Faust" ist seine letzte große Produktion an der Volksbühne, bevor er im Sommer Chris Dercon weichen muss. Wer sie genießen will, braucht vor allem eins – gutes Sitzfleisch.

Sieben Stunden für "Faust I und II" sind kürzer als man denkt. Peter Stein brauchte im Jahr 2000 für seine ungekürzte Version mehr als dreimal so lang. Doch damals gab es mehr Pausen. Bei Castorf muss das Publikum dreieinhalb Stunden durchhalten, bevor es zum ersten Mal den Saal verlassen darf. Da die Bestuhlung nicht die bequemste ist, ist das eine Herausforderung. Und die Inszenierung hat Längen.

"Faust" in Paris

Castorf greift nicht nur auf Goethe, sondern auch auf viele fremde Texte zurück – auf den Roman "Nana" von Emile Zola und Schriften von algerischen Widerstandskämpfern zum Beispiel, die zum Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich aufrufen. Castorf hat den Ort der Handlung von Deutschland nach Paris verlegt.

Ihm geht es nicht darum, die Geschichte eines Wissenschaftlers zu erzählen, der sich mit dem Teufel verbündet, sondern um Szenen, in denen Männer und Frauen ihre Beziehungsprobleme ausloten. Die Chronologie der Faust-Geschichte ist nicht mehr erkennbar.

Am Anfang taucht eine junge Frau auf, die im sexy Glitzerkleid in einer Bar auf dem Tresen sitzt und traurige Chansons singt. Dass es sich um Gretchen handelt, merkt man erst, als sie zu sprechen beginnt. Die Texte stammen aus der Kerkerszene, denn Castorf hat das Ende von "Faust I" an den Anfang gesetzt. Zeitgleich wird die Homunkulus-Geschichte aus "Faust II" abgehandelt. Der Famulus Wagner hat einen künstlichen Menschen geschaffen, den er im Einweckglas auf den Tresen stellt. Gretchen leckt lüstern den Deckel ab, Mephisto trinkt die Konservierungsflüssigkeit – beides deftige Einfälle, aber was der Regisseur damit sagen will, bleibt unklar. Es gibt keine Handlung und keine klar definierten Charaktere. Daher ist es unmöglich, die Szenen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Castorf-Theater mit Längen

Castorfs Konzept wird oft als Theater des Augenblicks bezeichnet. Das trifft auch auf diese Inszenierung zu. Es gibt Szenen, die wahnsinnig viel Energie haben, weil sich die Schauspieler mit regelrecht in die Rollen werfen. Da wird geschrien, gesungen, getanzt und manchmal auch derb gekalauert – aber wenn man fragt, was das Ganze soll, geht dem Abend die Puste aus.

Den äußeren Rahmen bietet das Bühnenbild. Aleksandar Denic hat es entworfen - ein Häuserensemble mit Reklametafeln, einer Bar, Treppen und einem echt Metro-Eingang (der Handlungsort ist wie gesagt Paris). Das Ganze steht auf der Drehbühne, kann sich also bewegen und immer Häuser und Plätze ins Blickfeld rücken. Viele Szenen spielen in Innenräumen und werden – wie immer bei Castorf - per Video übertragen. Auch das funktioniert perfekt, weil die Screens ins Bühnenbild integriert sind. Man schaut mal hierhin, mal dorthin. Langweilig wird es nur, wenn das Geschehen zu lange auf der Stelle tritt. Und das geschieht leider oft. Monologe werden ausgewalzt, Dialoge drehen endlose Pirouetten – bis es dann wieder einen Moment gibt, wo das Stück abhebt.

Jeder Auftritt ein funkelnder Diamant

Das Ensemble läuft zu großer Form auf. Martin Wuttke ist als Faust kein heroischer Wissenschaftler, sondern ein Neurotiker. Er taumelt über die Bühne, stürzt, rappelt sich auf und bellt seine Texte heraus. Das hat so viel Kraft und Ausdrucksreichtum, dass es einfach faszinierend ist. Marc Hosemann als Mephisto wirkt eher wie ein Faxenmacher. Als Teufel, der als negative Kraft das Geschehen vorantreibt, bräuchte er mehr Energie. Auch kleinere Rollen sind hervorragend besetzt. Sophie Rois spielt eine alte Hexe und den Famulus Wagner, Alexander Scheer turnt als Lord Byron über die Bühne. Jeder Auftritt ein funkelnder Diamant.

Abschied mit Wehmut

Natürlich kann einen die Wehmut packen, wenn man bedenkt, dass keiner dieser Schauspieler am Haus bleiben wird, wenn im August Chris Dercon die Intendanz übernimmt. Aber noch sind ein paar Monate Zeit. Wer typisches Castorf-Theater mit Längen und großen Momenten erleben will, kann sich getrost diesen "Faust" anschauen.

Oliver Kranz, kulturradio

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