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Pierre Boulez Saal - Eröffnung der Barenboim-Said Akademie

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Schwingend, fast schwerelos - Es ist vollbracht: der Pierre Boulez Saal wurde am Samstag eröffnet.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm, Zeichen dafür, dass eine der Versöhnung der Konfliktparteien im Nahen Osten dienende Institution ihre Eröffnung nur so feiern kann. Das von HK Merz gestaltete Foyer und das Treppenhaus des ehemaligen Kulissendepots der Staatsoper wirkt sachlich nüchtern. Umso mehr ist man ergriffen, wenn man den schwingenden, fast schwerelosen Saal von Frank Gehry betritt. Wer dann allerdings in der wellenförmigen Galerie Platz nimmt, kann leicht seekrank werden und Höhenangst wäre auch nicht gut dort

Jörg Widmann, Komponist und Klarinettist, im Haus des Rundfunks, Großer Sendesaal, Berlin; Foto: Carsten Kampf
© Carsten Kampf

Magisch, ergreifend

Der Klang der Blechbläser von zwei Seiten dieser Galerie lässt einen dann aber alles vergessen. Alles was von dort erklingt, auch die hinreißende Fantasie für Klarinette Solo von Jörg Widmann (von ihm selbst gespielt) ist geradezu magisch. Aber auch unten kann einem der "Hirt auf dem Felsen" glasklar und direkt ergreifen - Anna Prohaskas Gesang ist wortwörtlich zu verstehen, dank einer beispielhaften Gestaltung des Textes. Und Jörg Widmann ergreift uns erneut mit glühendem Herzen.

Nicht alles klingt uneingeschränkt gut. In Mozarts Klavierquartett etwa knallt der Flügel, wenn man nicht aufpasst. Bei Bergs äußerst komplexem Kammerkonzert kann man zwar alles unglaublich detailgenau hören, man wähnt sich aber mitten unter den Musikern oder mindestens in Reihe 1 - manchmal wünscht man auch Distanz, um selbst Verläufe nachzuvollziehen. Die Hörer befinden sich in einer engen, unmittelbaren Gemeinschaft. Das liegt auch nicht jedem

Berlin kann dankbar sein

Wirklich physisch und sinnlich ergreifend dann der Schluss mit Boulez’ "Incises" für drei Klaviere, drei Harfen und drei Schlagwerke. Die Klangwellen und -wolken, die Nachklänge, der orgiastische Rausch des Rhythmus kommen im neuen Saal unmittelbar und ergreifend zur Wirkung. Bewundernswert die Leistung Barenboims, der in zwei Werken Klavier spielt und die unglaublich schwierigen Partituren Bergs und Boulez' mehr als beherrscht, sie verinnerlicht hat. Ohne seine Energie wäre dieses Unternehmen niemals Realität geworden. Berlin kann dankbar dafür sein.

Clemens Goldberg, kulturradio

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