Alexej Gorlatch zu Gast im kulturradio vom rbb; Foto: gb
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Konzerthaus Berlin, Kleiner Saal - Alexej Gorlatch spielt Chopin

Bewertung:

An neuem Ort präsentieren sich die C. Bechstein Klavierabende. Eigentlich ein Forum für die pianistische Nachwuchsgeneration. Zum Auftakt gönnte man sich dann doch einen jungen, aber gestandenen Pianisten mit Alexej Gorlatch.

Der Umzug war notwendig. Dort, wo Bechstein 15 Jahre lang sein Konzerte veranstaltet hat, im Stilwerk in Berlin-Charlottenburg, ist jetzt ein Restaurant entstanden. Deshalb jetzt das Debut im Kleinen Saal des Konzerthauses. Die Stimmung allerdings war zunächst merkwürdig zurückhaltend. Erst am Ende gab es langanhaltenden Beifall und ein paar Bravos.

Immerhin war der Saal mit seinen knapp 400 Plätzen so gut wie voll. Aber Alexej Gorlatch ist inzwischen auch längst kein Nachwuchspianist mehr, sondern steht sicher in seiner Karriere und hat inzwischen mit Ende 20 sogar schon eine Professur in Frankfurt/Main.

Durchdachtes Programm

Einen ganzen Chopin-Abend muss man sich erst einmal trauen, wenn man nicht Pollini heißt. Alexej Gorlatch kann mit Frédéric Chopins Werken umgehen. Er hat einen Anschlag von großer Bandbreite, eine sichere, brillante Technik und kann das Weiche, Gefühlvolle ebenso darstellen wie die vollgriffigen Passagen.

Ein sehr durchdachtes Programm hat er zusammengestellt: in der ersten Hälfte mehr tänzerische Stücke überwiegend heiteren Charakters; danach dann das dämonisch-düstere Gegenteil. Also genau das, was Chopins Klaviermusik ausmacht.

Das Freundliche

Die Stücke der ersten Hälfte behandelt Alexej Gorlatch liebevoll und durchdacht. Sehr konzentriert nimmt er in der Polonaise-Fantaisie und der Barcarolle die Hörer an die Hand, verweist auf die zahllosen Schönheiten dieser Musik. Daneben hat er acht Mazurken ausgewählt, die alle erst nach Chopins Tod im Druck erschienen. Eine originelle Idee, allerdings hört man auch, warum Chopin offensichtlich diese Stücke zurückgehalten hat. Vieles ist nett und geschmackvoll – wirklich rühren kann da nur wenig.

Auch daraus gestaltet Gorlatch Hörenswertes. Gerade die melancholischen Momente der stärkeren Mazurken sind wunderbar durchleuchtet. Aber so ganz kann der Pianist hier nicht vermitteln, dass Chopin mehr ist als Salonmusik. Chopin hat sich in seinem französischen Exil immer nach seiner polnischen Heimat zurückgesehnt, und diese verletzte Seele ist auch in diesen Stücken versteckt. Davon erzählt Alexej Gorlatch eine Spur zu wenig.

Das Teufelsgelächter

Nach der Pause erscheint eine andere Welt. Sicher, Chopins b-Moll-Sonate kann man gar nicht freundlich spielen. Alexej Gorlatch hat das sicher im Griff und zeigt andere Farben. Und dennoch liegen seine stärksten Momente in den lyrischen Stellen, dem Ruhigen, Poetischen, Sanften und Zarten. Das Abgründige, Schockierende, die Hölle in Tönen ist hier mehr angedeutet, konstruiert, mehr berechnet als wirlich empfunden. Da hat man sich gewünscht, dass er ruhig mal danebengreift, dafür aber die zu große Kontrolle beiseite lässt.

Ganz am Ende ist dieser Wunsch dann doch noch in Erfüllung gegangen: Im b-Moll-Scherzo ist diese zweite, die eigentliche Ebene unüberhörbar, das Teufelsgelächter dieser über ihre Zeit weit hinausgehenden Musik. Hier hat Gorlatch die Sicherheitsleine weggelassen, und das konnte er auch. Er besitzt die nötige Technik, um sich ganz auf diesen Höllenritt auf dem Hochseil konzentrieren zu können. Genial.

Auf dem Weg zum großen Chopin-Interpreten

Das Potenzial ist da, das hat Alexej Gorlatch eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dass er noch nicht am Ziel ist – wie könnte man das erwarten mit Ende 20! Was man erwarten kann, hat er in den beiden Zugaben gezeigt. Zunächst mit einem der schauerlichsten Stücke von Chopin, dem Prélude in d-Moll. Zuckende Blitze, Kanonendonner, Chopins Aufschrei über die Einnahme Warschaus durch die russische Armee, das Parallelstück zur "Revolutions-Etüde". Grandios kompromisslos interpretiert.

Anschließend, fast noch erschütternder: das e-Moll-Prélude als innere Klage, mit wenigen Nuancen eine ganze Welt angedeutet. Wenn Alexej Gorlatch auf diesem Weg weitergeht, kann er einer der ganz großen Chopin-Interpreten werden.

Andreas Göbel, kulturradio

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