"Mein ziemlich seltsamer Freund Walter"; © Falk Wenzel
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Augenblick mal! - Das Festival des Theaters für junges Publikum - Thalia Theater Halle in den Sophiensælen Berlin: "Mein ziemlich seltsamer Freund Walter"

Bewertung:

Ein klug inszeniertes Familienstück, das einen in jedem Alter anrühren und bewegen kann – ein schöner Festival-Auftakt.

Alle zwei Jahre versammelt das Festival "Augenblick mal!" die besten deutschen Kinder- und Jugendtheaterinszenierungen in Berlin. Für die 14. Ausgabe hat die Jury aus 217 Arbeiten zehn ausgesucht. Der Eröffnungsbeitrag kam aus Halle: Katharina Brankatschk hat am dortigen Thalia Theater den Text "Mein ziemlich seltsamer Freund Walter" inszeniert – das erste Kinderstück der Schriftstellerin Sibylle Berg.

Eine ausgezeichnete Wahl

Sie kommt einem sicher nicht sofort in den Sinn, wenn man ans Schreiben fürs junge Publikum denkt. Ist ihre Sicht auf die Welt nicht zu fatalistisch, ihr Humor zu bitter und makaber, ihre Sprache zu lakonisch?

Es war nicht Berg selbst, die auf die Idee gekommen ist, für Kinder zu schreiben. 2014 hat sie den Stück-Auftrag von der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen bekommen. Auf den zweiten Blick ist die Romanautorin, Dramatikerin und Kolumnistin dann aber eine ausgezeichnete Wahl – ist sie doch eine Schreiberin, die nie beflissen über den Leser hinwegschreibt, die es nicht immer schon besser gewusst hat, und die ganz sicher nicht zu Betulichkeit neigt. Dieses erste Kinderstück ist ihr dann auch so gut gelungen, dass es 2015 bei den renommierten Mülheimer Theatertagen den Kinderstückepreis gewonnen hat.

"Mein ziemlich seltsamer Freund Walter"; © Falk Wenzel
© Falk Wenzel | Bild: Augenblick mal! / Falk Wenzel

Über Außenseiter

Wie zu erwarten hat Sibylle Berg es darin nicht auf eine heitere Komödie oder auf ein pädagogisches Lehrstück abgesehen. "Mein ziemlich seltsamer Freund Walter" ist ein Text über Leute, von denen Berg etwas versteht: von Außenseitern.

"Mein ziemlich seltsamer Freund Walter"; © Falk Wenzel
© Falk Wenzel

Walter

Die Hauptfigur ist Lisa. Sie ist neun und wird gemobbt: Die anderen finden sie seltsam, weil sie Bücher über ferne Galaxien liest und Computer zusammenbaut. Ihre Eltern sind auch eine einzige Enttäuschung: Seit sie arbeitslos sind, hängen sie den ganzen Tag auf der Couch fest, hören alte Platten und trinken Wein. Lisa ist also ganz allein. Bis um die Ecke ein Ufo landet, das versehentlich einen Alien zurücklässt. Lisa tauft ihn Walter.

Walter kann sich für alle außer Lisa unsichtbar machen. Er bringt ihr Kung Fu bei und setzt ihr einen Mikrochip im Finger ein, der sie schlagfertig macht. Und er zeigt ihr, dass auch sie es den anderen nicht leicht macht, dass sie also selbst etwas tun muss, um Freunde zu finden. Sibylle Berg schreibt auch hier sehr pointiert, witzig, mitleidlos – aber mit großer Empathie für die Außenseiterin, die einfach nicht in den Mainstream passt.

Klug inszeniert

Die Regisseurin Katharina Brankatschk holt auf der Bühne das Allerbeste aus dem Text heraus. Denn bei allem Lob für Sibylle Berg: Das Stück löst sich in der zweiten Hälfte viel zu schnell in ein Friede-Freude-Eierkuchen-Happy-End auf. Walter erklärt Lisa, wie es läuft, redet mal kurz mit den Eltern – und schon beginnt das schöne neue Leben. Katharina Brankatschk greift klug in den Text ein, baut Szenen aus, die ihr wohl nicht eingeleuchtet haben, streicht manches und fordert die Kinder emotional und gedanklich heraus.

"Mein ziemlich seltsamer Freund Walter"; © Falk Wenzel
© Falk Wenzel | Bild: Augenblick mal!, © Falk Wenzel

Energie und Spaß auf der Bühne

Eine Schauspielerin und drei Schauspieler machen dabei 80 Minuten lang fliegenden Rollen- und Emotionswechsel: von den Eltern über die nervigen großen Jungs auf dem Spielplatz, zu den Mitschülern und dem gemeinen Lehrer, wieder zurück in Lisas Kinderzimmer, wo sie mit dem seltsamen Walter eine Kuschelhöhle baut. Die vier Spieler verströmen dabei so viel Energie und Spaß auf der Bühne, sie rappen, singen und tanzen so ganz ohne die betulichen Allüren, die Schauspieler im Kindertheater manchmal an sich haben, dass man kaum aus dem Lachen und Weinen herauskommt.

Witz für Erwachsene und Kinder

Ob sich die Kinder davon genauso anrühren lassen, wie die erwachsenen Zuschauer, war beim Berliner Gastspiel vor Fachpublikum nicht herauszufinden. Man kann sich diese Frage ernsthaft stellen, denn es gibt einige Szenen, die überhaupt nur Erwachsene lustig finden können. Lisa vermutet zum Beispiel, dass es ihren Eltern deshalb schlecht geht, weil die immer so schreckliche Musik hören. Wenn Benito Bause dann minutenlang Kate Bushs "Wuthering Heights" inklusive pathetischer Gestik imitiert, wird das kein Achtjähriger so komisch finden wie die Erwachsenen im Publikum. Auch die Anspielung auf die AfD und Fremdenhass in Halle übersteigt wohl den Wissensradius der Kinder. Für die gibt es jedoch mit dem unsichtbaren Außerirdischen, der die Lehrer und die Mitschüler ärgert, ebenso viele witzige Anknüpfungspunkte.

"Mein ziemlich seltsamer Freund Walter" ist ein klug inszeniertes Familienstück, das einen in jedem Alter anrühren und bewegen kann – ein schöner Festival-Auftakt.

Barbara Behrendt, kulturradio

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