DT Berlin | Glückliche Tage: Dagmar Manzel, Jörg Pose © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater Berlin - "Glückliche Tage"

Bewertung:

Winnie ist entschlossen, das Leben schön zu finden - entgegen allen Ängsten, Gefahren und Einschränkungen. "Glückliche Tage" sind also Programm in dem Stück von Samuel Beckett.

Dagmar Manzel ist eine Ausnahme-Schauspielerin, so vielseitig wie kaum eine. Auf der Bühne spielt sie große Dramen, an der Komischen Oper in Berlin singt sie Musicals und im Fernsehen gibt sie die Tatort-Kommissarin. Sie hat eine Berliner Schnauze und trotzdem viel Feingefühl – und sie kann eine große Komödiantin sein. Am Deutschen Theater spielt sie jetzt die "Winnie" in Samuel Becketts "Glückliche Tage" in der Regie des Filmregisseurs Christian Schwochow. Das Stück ist ein grandios-groteskes Frauensolo: Winnie steckt erst bis zum Bauch, dann bis zum Hals in einem Erdhügel – und beschwört dennoch unentwegt ihr großes Glück.

Nicht bedrohlich

Dagmar Manzel spielt diese Winnie aber weder, wie bei Beckett angelegt, als Kunstfigur, noch steckt sie im Erdhügel fest – beides erweist sich im Laufe der Aufführung als problematisch.

Manzel sitzt ganz schlicht auf einem Stuhl am vorderen Bühnenrand, hinter ihr eine dunkle verspiegelte Wand, in der sich das Publikum schemenhaft selbst sieht. In dieser Wand öffnet sich eine schmale Tür, dahinter taucht immer mal wieder der Hinterkopf von Willie auf, Winnies Mann (gespielt von Jörg Pose) – der existiert, auch wenn er im ganzen Stück kaum 50 Worte spricht und hinter ihrem Rücken lebt. Dadurch, dass Winnie so ganz normal vor uns sitzt und über ihr Leben redet wie eine Alltagsperson, geht die Bedrohlichkeit, die Becketts szenische Vision ausstrahlt, vollkommen verloren.

Banal und langweilig

Der Inszenierungsgedanke dahinter ist absolut nachvollziehbar: Winnie, die uns bei Beckett so irritiert, weil sie in ihrer ausweglosen Situation unaufhörlich ihr Glück preist, soll uns hier sehr viel realistischer, psychologischer begegnen. Die permanente Verdrängung der elenden Welt, die uns umgibt, soll heutiger, direkter nachvollziehbar werden. Nur: Es geht nicht auf. Der ganze Aberwitz dieses Stücks besteht darin, dass eine Frau, die für alle Zuschauer sichtbar in einer hoffnungslosen Lage steckt, die im eigenen Grab versinkt, sich mantrahaft einredet, es gut zu haben. Beckett hat kein Alltags- er hat ein Existenzdrama geschrieben.

Auch andere Regisseure haben schon versucht, den Erdhügel ins Heute zu transferieren – bei Katie Mitchell am Hamburger Schauspielhaus zum Beispiel steht Winnie nicht der Sand, sondern das Wasser in ihrer Küche bis zum Hals. Das ist gut aufgegangen. Christian Schwochow aber hat das Bild einfach nur ausradiert. Bei ihm sitzt eine alternde, in Strickjacke gehüllte Frau auf einem Stuhl und redet ein bisschen über Glück und alte Zeiten – dadurch geht die Spannung verloren. Das wirkt banal und über die Länge von anderthalb Stunden langweilig.

Düster und bedeutungsschwer

Nur am Anfang kommt bei Manzel ein wenig der Beckettsche Witz über die Absurdität des Lebens zur Geltung. Dann jedoch wird sie immer geschmerzter, ihr Gesicht verzerrter. Im Umgang mit Willie, der ihr meist nicht antwortet, wird sie sarkastischer – kaum noch Zärtlichkeit ist da spürbar. Manzel macht das sehr virtuos; alles bei ihr wirkt wie mit eigenen Schmerzerfahrungen gesättigt. Vor allem in der Beziehung zu Willie, wenn sie also einen konkreten Ansprechpartner hat, kann das anrühren.

Aber Winnie ist nun mal eher eine tragikomische, verblendete Figur. Man muss sie sich als glücklichen Menschen vorstellen. Dagmar Manzels Winnie jedoch weiß sehr gut Bescheid über sich und den nahenden Tod, ihr steigen immer wieder Tränen in die Augen. Hier plappert niemand fröhlich am Rande des Abgrunds – hier spricht sich jemand Mut zu angesichts des Sterbens. Dadurch wird der Abend trotz aller Banalisierung düster und bedeutungsschwer.    

Kein "Gift"

Der Filmregisseur Christian Schwochow kann damit nicht an seinen ersten Theatererfolg anschließen, den er mit Dagmar Manzel beim Drama "Gift" (von Lot Vekemans) am selben Haus feierte. "Gift" ist ein ganz und gar realistisches Kammerspiel, das genau das psychologische, wirklichkeitsnahe Spiel braucht, wie es Schwochow damals inszeniert hat. "Glückliche Tage" aber ist ein dramatisches Gleichnis von der Größe einer antiken Tragödie. Sobald hier die Figuren aus ihren existenziellen Bildern ersatzlos herausgelöst werden, fehlt dem Stück die Fallhöhe und die Konkretion.

Barbara Behrendt, kulturradio

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