kulturradio-Motiv: Schnecke_Mund; Bild: rbb
Daniel Barenboim und Martha Argerich | Bild: imago stock&people Download (mp3, 5 MB)

Philharmonie Berlin - Festtage der Staatsoper: Martha Argerich und Daniel Barenboim

Bewertung:

Als schon alles vorbei ist, geht es erst richtig los: Nach zwei Stunden folgen noch 40 Minuten Zugaben – und auf diese Weise erreicht der Duo-Nachmittag von Martha Argerich und Daniel Barenboim seinen eigentlichen Höhepunkt.

Sie kennen sich seit Kindertagen – und spielen immer wieder gerne zusammen. Und das kaum schlechter als ein rein professionelles Klavierduo. Zusammenspiel bedeutet eben Zusammendenken und vor allem: Zusammenfühlen, und dieses blinde Verständnis ist zwischen Martha Argerich und Daniel Barenboim vorhanden.

Ganz am Beginn klappert es noch hier und da im Zusammenspiel, aber dann ist die Übereinstimmung perfekt. Man spürt es an winzigen Momenten. Am Beginn der Brahms-Variationen sitzen beide einander gegenüber. Man sieht kein Nicken, keine andere Verständigung, und beide sind vom ersten Akkord an zusammen. Es ist beim Duospiel eben eine Frage des Verständnisses – entweder es ist vom ersten Moment an da, oder es kommt nie.

Mozart: Sonate F-Dur KV 497

Ein Werk haben beide zusammen an einem Flügel gespielt: Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate F-Dur. Das klang durchaus gefällig, nur ist dieses Stück recht ambitionierte Musik und mehr als nur für das gesellige gemeinsame Spiel komponiert. Davon war zu wenig zu spüren: Es ging über Entwicklungen hinweg, man hatte das Gefühl, dass sich beide nicht ausreichend Zeit genommen haben, um eine Interpretation und eine Dramaturgie zu erarbeiten. Sie nahmen es ein bisschen, wie es gerade kam.

Aber auch hier gab es Gegensätze. Wirkten manche Stellen reichlich hölzern, fast wie halb vom Blatt, gab es etwa im langsamen Satz eine Pause, die so intensiv empfunden war, dass man im Publikum den Atem anhielt. Schöne Einzelmomente, aber leider auch ziemlich langweilige Strecken.

Brahms: Haydn-Variationen

Die Haydn-Variationen von Johannes Brahms hört man meistens in der Orchesterfassung – umso reizvoller war die Aussicht, die vom Komponisten gleichwertig gedachte Fassung für zwei Klaviere zu erleben. Das Problem ging hier von den beiden Instrumenten aus: Daniel Barenboim setzte sich an seinen eigenen Flügel, und dieses Instrument klang nun ganz anders als das, das Martha Argerich spielte: sehr spitz und scharf im Diskant, insgesamt ein bisschen übersteuert und immer eine Spur zu laut.

Das ist bei diesem Werk problematisch, weil beide Klavierparts dicht ineinander verflochten sind und es sich so nicht gut genug gemischt hat. Letztlich war es hier wie bei Mozart: zu wenig gemeinsame Arbeit, teilweise sogar ein Stochern im Nebel und unglaublich flüchtig und unscharf, besonders bei Daniel Barenboim – durch die ungleichen Flügel konnte man beide ja sehr gut auseinanderhalten.

Liszt: Concerto pathétique und Don Juan-Fantasie

Nach der Pause dann zweimal Franz Liszt: Das Concerto pathétique ist ein kurioses Stück zwischen Gedonner und Geklingel, zwischen Pathos und Süßlichkeit. Man könnte etwas daraus machen, aber das wäre zeitaufwändig gewesen.

Wirkungsvoller naturgemäß die Fantasie über Motive aus Mozarts "Don Giovanni", die Liszt zunächst für sich selbst als Virtuosenreißer, dann sehr viel später für zwei Klaviere bearbeitet hat. Hier hatten Martha Argerich und Daniel Barenboim ihren Spaß, sich Motive zuzuwerfen. Das geht nur dann so augenzwinkernd, wenn man sich so gut versteht wie die beiden. Nach wie vor ein wirklicher Genuss: die Virtuosität von Martha Argerich, jeder Ton glitzernd. Prädikat: Tigertatze.

Der Höhepunkt: die Zugaben

Nach dem Liszt gab es erwartungsgemäß stehende Ovationen und rhythmisches Klatschen, und so ging es nach zwei Stunden erst richtig los. Durch die Zugaben dauerte das Konzert 40 Minuten länger, und es hat sich für alle, die geblieben sind, wirklich gelohnt. Zunächst: zwei Sätze aus Mozarts Sonate für zwei Klaviere. Beide haben das schon länger im Repertoire, und hier war es wirklich eine Unterhaltung der beiden nur in Tönen, ein Sprechen in Musik – traumhaft.

Und weil dann ein großer Teil des Publikums immer noch nicht gehen wollte, spielten beide noch Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune, eigentlich ein Orchesterwerk, hier in Debussys eigener Bearbeitung für zwei Klaviere. Auch hier zeigte sich das blinde Vertrauen von Martha Argerich und Daniel Barenboim: ein Funkeln, ein Glitzern, vor allem eine Klarheit, die man in der ursprünglichen Orchesterfassung selten hört. Die Zugaben waren das Beste des ganzen Konzerts. Und der Debussy war ein schöner Vorgeschmack, denn im kommenden Jahr spielen beide wieder bei den Festtagen, und dann ein reines Debussy-Programm anlässlich des 100. Todestages des Komponisten. Darauf kann man sich freuen.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen