Martin Schläpfer "7", Foto: ©Gert Weigelt
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Staatsoper im Schillertheater, Gastspiel - Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg: "7"

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Auf Einladung des Berliner Staatsballett-Intendanten Nacho Duato gastiert das von vielen Kritikern als beste deutsche Ballett-Kompagnie bezeichnete "Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg" in Berlin. Dessen ebenfalls vielfach ausgezeichneter langjähriger Chef-Choreograph Martin Schläpfer zeigt seine Choreographie "7", zur Siebten Sinfonie von Gustav Mahler, ein brillantes und brisantes Ballett-Gastspiel.

Das Ballett am Rhein hat sich fraglos als brillante Kompagnie präsentiert, als Gruppe fabelhafter Einzelkönner, die zu einer funkelnden Einheit zusammengefunden haben. Brisant war die Einladung durch Nacho Duato schon vor dessen jüngster Ankündigung, sich früher vom Intendantenposten zurückzuziehen und man könnte es ihm durchaus hoch anrechnen, diese Compagnie und diesen Choreographen nach Berlin geholt zu haben.

Martin Schläpfer "7", Foto: ©Gert Weigelt
Ballett am Rhein/ Martin Schläpfer: "7", Foto:©Gert Weigelt

Brisante Gastspiel-Einladung

Das Ballett am Rhein wurde mehrfach hintereinander in der Kritikerumfrage zur besten deutschen Ballett-Kompagnie gewählt und Martin Schläpfer gilt nicht nur als einer der besten deutschen Choreographen, er war auch mehrfach der eigentliche Wunschkandidat der Berliner Kulturpolitik als Chef des Berliner Staatsballetts, hat aber leider jeweils abgelehnt – nur deswegen haben wir gerade dieses Duato-Zwischenspiel. Welche Qualität zeitgenössisches Ballett erreichen kann, konnte Schläpfer nun mit diesem Gastspiel auch den letzten Duato-Befürwortern und Malakhov-Nostalgikern zeigen.

Martin Schläpfer "7", Foto: ©Gert Weigelt
Ballett am Rhein/ Martin Schläpfer: "7", Foto:©Gert Weigelt

Kaleidoskopartiges Kabinett der Assoziationen

In seiner Auseinandersetzung mit Gustav Mahlers Siebter Sinfonie (Musik vom Tonträger) hat sich Martin Schläpfer, den Mahlers Musik seit vielen Jahren fasziniert, weder an dessen Biographie orientiert noch hat er ein durchgängiges Handlungsballett erfunden. Er hat sich von den vielen Stimmungen, Atmosphären und Klanglandschaften der Musik inspirieren lassen, hat ein kaleidoskopartiges Ballett-Kabinett der Assoziationen entworfen.

Diese Choreographie ist Einsamkeits-Drama und Schäfer-Idyll, ist Liebesgeschichte und Beziehungskrach, ist spätromantischer Träumer- und Künstler-Kult und derbes Volksfest, ist tragisch erotisch aufgeladene Gewalt und mit ausgebreiteten Armen genießerisch fliegender schwelgerischer Glückstaumel. Schläpfers Blick ist auf den unendlichen Horizont der Sehnsucht und die traurige Gewissheit des Scheiterns gerichtet.

So wie Gustav Mahler von einer Stimmung in die nächste hinüberschwingt und jeder in Absolutheit Raum gibt, so hat Martin Schläpfer dutzende Szenen, kleine Geschichten, vorübergehende Begegnungen entworfen, wobei der Grundton melancholisch und melodramatisch ist. Immer wieder bleiben einzelne Tänzerinnen und Tänzer wie erstarrt und von allem und jedem verlassen im Raum stehen, sehen aus wie zerfranste Strohpuppen auf einem abgemähten Feld, gebeutelt von den Ereignissen und dem Vergehen der Zeit.

Martin Schläpfer "7", Foto: © Gert Weigelt
Ballett am Rhein/ Martin Schläpfer: "7", Foto:©Gert Weigelt

Idyllisches Liebesglück und Mini-Dramolette der Vergeblichkeit

Die stärksten Bilder gelingen Schläpfer zum berühmten dritten Satz der Siebten Sinfonie, bei Mahler ein unheimlich-unruhiges Schatten- und Geisterspiel. Seinen Bilderreigen zu dieser Musik eröffnet Martin Schläpfer mit drei Tänzerinnen, die wie die Hexen aus Shakespeares "Macbeth" auf die Bühne stürzen, im Sprung verzerrte Körper und Gesichter. Dass diese drei beängstigenden Gestalten kurz darauf von drei Tänzern erwählt werden und ein idyllisches Liebesglück erleben dürfen, erscheint wenig naheliegend, wird jedoch hingebungsvoll getanzt.

Aber so wie Mahler in seiner Musik-Idylle schon das Groteske, das Überzeichnete und den Absturz eingebaut hat, entwickelt Schläpfer mit seinem Sextett lauter Mini-Dramolette des Scheiterns und der Vergeblichkeit. Kein Glück ist von langer Dauer und jeder Paartherapeut hätte seine Freude und sein sicheres Einkommen mit diesen Paaren, die sich am Ende auflösen, die verschwinden, während eine einsame Frau sich wie eine zurückgebliebene letzte Fee sanft im Kreis dreht und in früher Ankündigung des großen bei Schläpfer wie bei Mahler übersteuerten Jubelfinales (5. Satz) ein Massen-Tumult ausbricht.

Fragiles Gebilde von Assoziationen, Empfindungen, Bildern

Die Gefahr, dass dieser Bilderreigen nicht über die volle Distanz der 90 Minuten trägt, ist gegeben, aber Schläpfers Choreographie bleibt durchweg außerordentlich anregend gerade durch die Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit. Schläpfer geht immer vom musikalischen Gehalt aus in psychologisch grundierte und erzählerische Situationen, lässt aber auch groteske und alberne Szenen zu, kindliche Spiele, Volkstänze, Reigentänze und er lässt den reinen virtuosen Tanz zu.

Gerade hier ist wunderbar zu sehen, wie frei er mit dem Repertoire des Klassischen Balletts, auf dem bei ihm alles ruht, umgeht und wie alles organisch ineinander übergeht. Alles wirkt feinstofflich filigran gearbeitet, selbst in der Derbheit oder der Getriebenheit und Unbehaustheit, in der Ruhelosigkeit und Nicht-Zugehörigkeit, haltlose innere Zustände, die wie ein leiser Wind durch alle Szenen streichen.

Diese collagenhafte Verknüpfung unterschiedlichster Assoziationen, Empfindungen und Bilder ist ein fragiles Gebilde, das dramaturgische Netz droht immer mal wieder zu reißen, aber das verhindern die wunderbaren Tänzer, die am Ende vom Publikum zu Recht bejubelt werden, wie auch Martin Schläpfer selbst.

Frank Schmid, kulturradio

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