Stefano La Colla, Tenor; © Alba Falchi
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Philharmonie Berlin - Giacomo Puccini: "Tosca"

Bewertung:

Wie gewohnt nutzen die Berliner Philharmoniker ihre Opernproduktion der Baden-Badener Osterfestspiele konzertant in Berlin nach. Diesmal Puccinis "Tosca". Überzeugen kann dabei nur der Tenor Stefano La Colla.

Die übliche Nachnutzung in Berlin betraf in diesem Fall sängerisch nur Kristīne Opolais. Der eigentlich auch für Berlin vorgesehene Marcelo Álvarez wurde durch Stefano La Colla ersetzt.

Das Beste, was man über diese Aufführung sagen kann, ist der konzertante Charakter. Die langweilige, aufgesetzte, missglückte Inszenierung von Philipp Himmelmann aus Baden-Baden blieb dem Berliner Publikum erspart. Man vermisste sie nicht. Hier reichten ein paar Gesten, ein bisschen Pantomime – die Sache erklärt sich ja auch von selbst.

Die Enttäuschung

Kristīne Opolais hat die "Tosca" schon lange im Repertoire. Bereits vor über zehn Jahren hat sie in dieser Partie an der Staatsoper in Berlin debütiert. Umso enttäuschender war ihr Auftritt jetzt in der Philharmonie: enges Stimmvolumen, schnell metallisch hart und schrill.

Vor allem erzählt sie über ihre Figur kaum etwas. Die Entwicklung, die man bei der Tosca erfährt, von der eifersüchtigen Liebenden im ersten Akt zur Persönlichkeit, die sogar tötet, um ihren Geliebten zu retten, zeigt sich hier nicht. Es bleibt eiskalt, sogar in der Arie "Vissi d’arte", eine Anrufung Gottes in höchster Not. Hier: aufgesetzt und konstruiert. Kurz: die Enttäuschung des Abends.

Die positive Überraschung

Evgeny Nikitin in der Rolle des "Scarpia" vermag es immerhin, über die Lautstärke des Orchesters verständlich zu bleiben. Den Schurken verkörpert er überzeugend, allerdings ist dieser Scarpia mehr als "nur" ein Bösewicht. Die schillernde Figur zwischen Zyniker und triebgesteuertem Perversling bleibt hier zu sehr eindimensional.

Die positive Überraschung ist hier der Einspringer. Dabei ist Stefano La Colla in Berlin längst kein Unbekannter mehr. Auch den Cavaradossi hat er hier schon gesungen, an der Deutschen Oper in Boleslaw Barlogs hast ein halbes Jahrhundert alter Inszenierung. Den ersten Akt benötigt er noch, um warmzulaufen. Da ist es noch angestrengt, zu laut und mit angeschliffenen Tönen. Dann allerdings nach der Pause steigert er sich mit Schmelz, Kraft und Leidenschaft im dritten Akt. "Ich sterbe in Verzweiflung" – das singt er wirklich berührend.

Das laute Orchester

Simon Rattle hat mit seinen Berliner Philharmonikern ein Spitzenorchester – das rettet den Abend. Aus Baden-Baden kennt man die Partitur inzwischen, und so schnurrt es routinemäßig ab. Das Problem: Rattle dirigiert das alles, als wenn er eine Sinfonische Dichtung auf dem Pult hätte.

Das füllt den Saal, lässt aber den Sängern oft kaum noch Raum zum Atmen, um über diese teilweise ohrenbetäubende Lautstärke hinüberzukommen – bei Simon Rattle oft ein Symptom für Ratlosigkeit. Es gibt unglaublich süffige Stellen, die durchaus auch zu Puccini passen, aber die Schärfe, die Brutalität, die Charakterisierungskunst, die der Komponist im Orchester verwirklicht, fehlt.

Nachnutzung

Die konzertante Opernaufführung der Berliner Philharmoniker in Berlin ist nur eine Nachnutzung, gewissermaßen eine Zugabe zu Baden-Baden. Und das spürt man leider. Man kann es nachvollziehen: Das Orchester absolviert jedes Jahr in Baden-Baden ein gigantisches Programm, neben der Opern Sinfoniekonzert und Kammermusik in dichter Folge.

Nur ist es nicht das erste Mal, dass die Berliner Opernabende enttäuschend ausfallen. Im vergangenen Jahr hat man in Wagners "Tristan" die Erschöpfung aller gespürt. Nun ist eine "Tosca" nicht ganz so kraftraubend und auch viel kürzer. Nur blieb man trotz einiger schöner Momente deutlich unter dem, was möglich gewesen wäre.

Andreas Göbel, kulturradio

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