Artemis Quartett; Foto: Felix Broede
Felix Broede
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Philharmonie Berlin, Kammermusiksaal - Artemis Quartett

Bewertung:

In neuer Besetzung hin zum Schwersten des Schwersten der Quartettliteratur: Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 130, und das in der Urfassung mit der "Großen Fuge" op. 133. Kurz: die erfolgreiche Besteigung des Mount Everest.

In den vergangenen Jahren hat das Artemis Quartett mit einigen Turbulenzen zu kämpfen gehabt. Erst hat die Primaria gewechselt, dann der tragische Tod des Bratschers Friedemann Weigle, der zweite Geiger Gregor Sigl wechselte zur Bratsche und eine neue zweite Geige wurde integriert.

Das ist schon etwas her, aber man muss das immer noch im Hinterkopf haben, denn es ist alles andere als selbstverständlich, dass es dieses Quartett noch gibt – und dass sie so unglaublich neu zusammengefunden haben. Zu verdanken ist das sicher zu allererst dem Cellisten Eckart Runge, so etwas wie die Kraft, die alles zusammenhält. Man sieht das auch immer beim Zusammenspiel: Er sitzt auf einem Podium im Zentrum, die anderen stehen drumherum. Auch das ist einzigartig.

Spätromantik, Totalexpressionismus, Durchdringung

Ein gewisses Augenzwinkern ist es, mit Anton Weberns frühem Langsamem Satz für Streichquartett anzufangen. Webern, eigentlich Wegbereiter der Neuen Musik – viele Komponisten nach 1945 haben sich auf ihn bezogen. Aber das von 1905 ist schönste Spätromantik, süffig und leicht kitschig – und diese knapp zehn Minuten haben gezeigt, wie das neue Artemis Quartett auf dem besten Weg ist.

So schön dieser Satz klingt, so schwer ist es, hier die Balance zu halten zwischen nachklingender Spätromantik, Totalexpressionismus mit Absturz in die Katastrophe und feingliedriger Durchdringung, die schon den späteren Analytiker erahnen lässt. Man genießt, hört aber auch aufmerksam hin und ist oft überrascht.

Missverständnis mit Schumann

Das F-Dur-Quartett von Schumann zählt zur Standardliteratur, und so ist es zunächst einmal nicht abwegig, dass das Artemis Quartett das auf sein Programm gesetzt hat. Und trotzdem können, besser: wollen die vier Musikerinnen und Musiker damit über weite Strecken nicht wirklich etwas anfangen. Zu freundlich, zu entspannt, zu heiter ist es. Und dem verwaschenen, unscharfen, angespannten Beginn konnte man entnehmen, dass da irgendwie ein Misstrauen zu spüren ist. Da muss doch mehr hinterstecken.

Im langsamen Satz mit seiner größeren Ernsthaftigkeit gelingt es dem Quartett, alles aufs Feinste von allen Seiten zu beleuchten. Im Trio des Scherzos wird es dann fast zur Satire – Schumanns etwas banale Idee wird so ironisiert, dass man fast lächeln muss. Man merkt das Unbehagen an der ganzen Sache auch an der mitunter etwas missglückten Intonation. Anders ausgedrückt: Dieses Stück haben die Musiker auf hohem Niveau missverstanden.

Sie wissen, was sie tun

Nach der Pause dann das Streichquartett op. 130 von Ludwig van Beethoven. Aber nicht einfach so, sondern die Urfassung. Beethoven hat das Werk mit dem Riesenfugenkomplex am Ende zunächst so konzipiert. Fünfzig Minuten, für die Zuhörer der Uraufführung unverständlich. Der Verleger hat Beethoven dann gebeten, einen neuen Schluss-Satz zu schreiben. Die so genannte Große Fuge wurde separat publiziert.

Beethoven ist diesem Wunsch leider nachgekommen und musste in Kauf nehmen, dass die ursprüngliche Architektur mit dem neuen Finale zusammenbrach, denn alles läuft auf den ursprünglichen gigantischen Schlussbrocken zu. Das Artemis Quartett spielt nun die erste Fassung – das ist mutig, aber sie wissen, was sie tun. Das haben sie schon früher für eine CD-Aufnahme so gemacht. Das Schöne an dieser Aufführung: Man kann die Überforderung des damaligen Publikums nachvollziehen. Das klingt phasenweise, als wäre es mindestens ein Jahrhundert später komponiert worden.

Radikaler und besser denn je

Ein bisschen muss sich das Artemis Quartett noch aus einer Grundanspannung herausarbeiten. Aber spätestens im fünften Satz, dem langsamen Herzstück, dominiert vollendete Harmonie und eine fast heilige Ruhe – übrigens als Zugabe wiederholt noch gelöster und irgendwie nicht mehr von dieser Welt.

Das Finale, das sich beeindruckend organisch daraus entwickelt, ist dann das eigentliche Paradestück des Quartetts. Es gelingt ihnen, die Extreme einzufangen, wie man sie intensiver nicht darstellen könnte. Da ist es so explosiv, dass man das Gefühl hat, die Instrumente würden geradezu durchgesägt. Und dann kontrastiert eine Schlichtheit, die doch eigentlich ganz einfach und verständlich ist.

Das alles verzahnt sich immer mehr, bis am Ende wirklich alles in den Schlussakkorden zusammengefasst ist. Komplexe Form wird hier ganz in Emotionalität übersetzt. Und mal abgesehen vom Schumann hat man hier das Artemis Quartett erlebt: radikaler und besser denn je.

Andreas Göbel, kulturradio

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