Staatsballett Berlin | Nacho Duato: Erde © Fernando Marcos
© Fernando Marcos | Bild: Fernando Marcos

Komische Oper Berlin - Staatsballett Berlin: Duato | Shechter

Bewertung:

In dieser Saison, wie auch schon in der letzten, war fast jede Premiere des Berliner Staatsballetts ein Politikum, etwa dank Tänzer-Streik und Anti-Sasha-Waltz-Protesten. Die Premiere gestern Abend in der Komischen Oper war es wegen Nacho Duato.

Immerhin kommt die Uraufführung seine Stückes "Erde" kurz nach der überraschenden Ankündigung seines vorzeitigen Abschieds vom Intendanten-Posten und zugleich ist dies nach seinen eigenen Worten seine letzte Kreation für das Staatsballett. "Duato, Shechter" ist dieser Doppelabend überschrieben.

Zweigeteilter Abend – schockierend und schwach

Ein Abend, der von den Umständen beeinflusst ist, immerhin hat Duato ihn in der Phase seiner Loslösung vom Staatsballett entworfen – er fühle sich nun befreiter, hat er vorab in einem Interview gesagt. Der Beifall einiger Zuschauer für Duato hatte durchaus demonstrativen Charakter und seine Uraufführung war auch mit einiger Spannung erwartet worden. Letztlich wurden alle Erwartungen erfüllt, denn dies ist ein zweigeteilter Abend mit einer intensiven, schockierenden Choreographie von Hofesh Shechter und einer schwachen von Nacho Duato, dem sein einst so enormes kreatives Potenzial verloren gegangen zu sein scheint.

Staatsballett Berlin | Nacho Duato: Erde © Fernando Marcos
Ballett am Rhein/ Martin Schläpfer: "7", Foto:©Gert Weigelt

Nacho Duato: "Erde" – kunstgewerbliche Bedeutungshuberei

Nacho Duato geht es in seiner Choreographie um die Zerstörung der Erde durch uns Menschen, durch unsere Gedankenlosigkeit, Profitgier und Verschwendungssucht. Dies soll, so Duato, ein gesellschaftspolitisches Stück sein - so jedenfalls die Idee, für die Greenpeace als Partner gewonnen werden konnte. Zu sehen ist jedoch mit viel Aufwand betriebene kunstgewerbliche Bedeutungshuberei, ein vordergründiger Bilderreigen der Effekte, der Betroffenheit suggeriert, dabei jedoch stilvoll schön und keinesfalls hässlich aussehen will, zu sehen ist schwer verdaulicher szenischer Salat, choreographisch eher konfus und durch das bedeutungsschwere Ausstellen der guten Absichten in künstlerischer Hinsicht kompromittiert.

Roboterwesen, Nymphen, fast nackte junge Männer im Kunstnebel

Da zuckeln Roboterwesen in weißen Plastikanzügen mechanisch über die Bühne, was wohl auf Entfremdung von der Natur und individuelle wie soziale Zwangssysteme im Kapitalismus verweisen soll. Da sinken possierliche Nymphenwesen im Todeskrampf zu Boden, mythologische Naturgeister haben eben keine Chance in unserer Zeit. Da dehnen sich fast nackte junge Männer lustvoll und zugleich angeekelt in edlen Pelzmänteln, eine Konsumkritik, die am latenten Sexismus dieser Szene zerschellt, denn die Jungs sehen natürlich phantastisch und sexy aus dabei. Am Ende wird ein Mini-Wald auf die Bühne gerollt, das verlorene Paradies, begleitet von Glockenläuten, damit auch jeder versteht, dass es 5 vor 12 ist.

Banale Szenen zu einer unerheblichen Elektro-Sound-Kulisse, getanzt in schicken Kostümen, in einem unerklärlichen Laserstrahlgitter und hinter einer Plastikwand, die später zur riesigen Plastikblase aufgebläht wird – hübsche Bilder im dichten Kunstnebel-Smog, der den zu oft uninspirierten Tanz oft gnädig verhüllt.

Die engagierten Tänzerinnen und Tänzer können einem leidtun – sollte Nacho Duato in seiner Abschiedssaison nicht doch noch etwas Neues auf die Bühne bringen, wäre dies ein eher blamabler Abschied aus Berlin.

Staatsballett Berlin | Hofesh Shechter: The Art of Not Looking Back © Fernando Marcos
Ballett am Rhein/ Martin Schläpfer: "7", Foto:©Gert Weigelt | Bild: Fernando Marcos

Hofesh Shechter: "The Art of not looking back"

Hofesh Shechters Stück hingegen ist schockierend schmerzensreich. Der israelisch-britische Star-Choreograph, den wir dank der Berliner Festspiele gut kennen, wo er in den letzten Jahren mit "Political Mother", "Sun" und "Barbarians" verstörend-exzessive, belästigend-brachiale, wahrhaftig politische Choreographien gezeigt hat, Shechter ist in diesem Stück von 2009, jetzt neu einstudiert und in Deutscher Erstaufführung zu sehen, wieder den für ihn selbst und für uns Zuschauer unbequemsten Weg gegangen.

Dies ist eine radikale, provokative Auseinandersetzung mit dem Archetypus der Mutter, die bei ihm nicht nährend, wärmend und lebenssegnend ist.

Shechter betont zwar, dass dies kein autobiographisches Stück sei, man hört ihn selbst jedoch zu Beginn sagen, dass seine Mutter ihn verlassen habe, als er zwei Jahre alt war. Tatsächlich haben sich seine Eltern getrennt, als er in diesem Alter war. Das Verlassen-Werden und Verlassen-Sein, das sich in dieser Choreographie auch im Alter nicht heilen lässt, ist das zentrale Thema.

Staatsballett Berlin | Hofesh Shechter: The Art of Not Looking Back © Fernando Marcos
Ballett am Rhein/ Martin Schläpfer: "7", Foto:©Gert Weigelt

Erschütternd, obsessiv, schmerzensreich

Shechters Choreographie ist zutiefst erschütternd. Die sechs Staatsballett-Tänzerinnen, die sich das schwere Bewegungsmaterial hervorragend angeeignet haben, zeigen seelische Zerstörungen, die bis in die Skelett- und Muskelstruktur hineinwirken, zeigen Deformationen, zeigen zuckende, krampfende, verzerrte Körper. Kleine Anflüge von Harmonie werden zerbrochen, zerhauen, zerstückelt – selbst die liebliche Musik von Johann Sebastian Bach, die mitten im brachialen Elektrosound-Gewitter und in den ohrenbetäubenden schrillen Schreien erklingt, kann keinen Frieden schenken.

Es ist grandios, wie Shechter das Sextett zersprengt, wie Miniatur-Formen von Solo, Duo, Trio kurz aufblitzen und vergehen, wie er szenische Brüche und Abbrüche setzt, wie seelentief er existenzielle Verstörtheit in jede Körperfaser, jede einzelne Bewegung und jede Gruppenszene einsinken lässt. Am Ende bleibt nur eine furchtbare Leere und das im Wortsinn: als grell ausgeleuchtete kahle, verwaiste Bühne.

Und gerade als man sich fragt, ob hier noch eine Form von Versöhnung möglich sein kann, fallen die Sätze: "Ich vergebe dir nicht." und "Auf manche Dinge in seinem Leben sollte man lieber nicht zurückschauen.", was den Titel des Stückes erklärt.

Eine kurze, obsessiv schmerzensmetaphorische Choreographie mit kleinen erlösenden humoristischen Momenten, eine Choreographie von intimerer Verstörtheit als bei den abendfüllenden großen Stücken, aber ebenso auf der Basis radikal schonungsloser Selbstbefragung.

Frank Schmid, kulturradio

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