Komische Oper: Modest Mussorgski "Der Jahrmarkt von Sorotschinzi"; © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus
Bild: Monika Rittershaus Download (mp3, 4 MB)

Komische Oper - Modest Mussorgski: "Der Jahrmarkt von Sorotschinzi"

Bewertung:

Hier wachsen gewohnte Kräfte über sich hinaus - die Ausgrabung der Saison.

Bei unbekannten Stücken gilt Johann Nestroys Devise doppelt: "Lobgehudelt ist auch gehudelt." Also: Schmeichelei ist Pfusch!, und nützt gar nichts. Umso weniger, als sich, wer weiß woher, in diesem Fall das eine oder andere Buh in den Applaus verirrte. Ich muss gestehen, dass  Barrie Kosky nach meinem Dafürhalten eine absolut geschmacks- und metiersichere Arbeit ohne Wenn und Aber gelungen ist. Und das, obwohl er sich dem optischen Stil seines Intendanten-Vorgängers Andreas Homoki überraschend annähert. Es geht knallbunt zu, allerdings in phosphoreszierend grellen Atommüll-Farben; optisch irrlichtern. An diesem Abend lässt sich studieren, warum Homoki nur guter Durchschnitt war, Kosky aber – derzeit – ein Meister seines Fachs.

Drei Fliegen mit einer Klappe

Gleich drei Fliegen kann Kosky mit dieser Produktion schlagen. Er bietet dem Chor des Hauses, der zuletzt "Chor des Jahres" geworden war, eine echte Choroper. Seinem größtem Vorgänger Walter Felsenstein, der 1948 für die einzige Berliner Inszenierung dieses unerklärlich übersehenen Spät- und Hauptwerks von Mussorgsky sorgte, kann er ein Denkmal errichten. Und er darf sich, um mich hier in der Bildersprache des Werkes auszudrücken, als Trüffelschwein betätigen.

Fratzenhafte Tiefe

In Schweinegestalt nämlich erscheint der Teufel in dieser Satire auf den Volksaberglauben. Mit Teufels Hilfe wird eine böse Stiefmutter ausgetrickst und finden zwei Liebende zueinander. Kosky unterfüttert das an vier Stellen mit elegischen, russischen Volksliedarrangements für Chor (wofür zur Verstärkung das Vocalconsort Berlin hinzugezogen wurde). So gewinnt Mussorgsky – der immer der erdigste, bitterste, finsterndste Vertreter des "Mächtigen Häuflein"  (Borodin, Balakirew, Cui, Mussorgsky, Rimski-Korsakoff) gewesen ist, an fratzenhafter Tiefe.

Komische Oper: Modest Mussorgski "Der Jahrmarkt von Sorotschinzi"; © Monika Rittershaus
© Monika Rittershaus

Klangvoll, weich und üppig

Es ist die Abschiedspremiere für Chefdirigent Henrik Nanasi. Das Orchester spielt für ihn, als wolle man sagen: Nun dürfen wir ja. Als hätte das Debakel um den mittelprächtigen Generalmusikdirektor erst gelöst sein müssen, bevor man zu voller Form aufläuft. Nie habe ich das Orchester so klangvoll, weich und üppig gehört wie hier. Ebenso den Chor! Er ist besser als in "Moses und Aron".

Die Besetzung

Dass auf Russisch gesungen wird, obwohl viel vom Witz der Gogol-Vorlage verloren geht, ist nur so zu rechtfertigen, dass man den "Jahrmarkt von Sorotschinzi" als vollgültige Ausgrabung für sich reklamieren wollte, ohne ihn auf ein regionales Nebengleis zu ziehen. Für Agnes Zwierko als russische Drehorgel bedeutet die böse Stiefmutter einen schönen Durchbruch. Jens Larsen singt den alten Süffel und Trunkenbold mit einer Stimmgewalt, als wolle er der Verwunderung Ausdruck, dass ihm noch niemand den Boris Godunov angeboten hat. Weniger gut: Alexander Lewis als tonloser, quellflockiger Tenor. Schlimm ist das aber nicht.

Komische Oper: Modest Mussorgski "Der Jahrmarkt von Sorotschinzi"; © Monika Rittershaus
© Monika Rittershaus | Bild: Monika Rittershaus

Beschwingt und betroffen

Obwohl in zwei Stunden pausenlos durchgespielt wird, hat das Werk Längen – wie fast jedes Mussorgski-Werk einschließlich der parallel entstandenen "Khovanschtschina". Das aber auf kompositorisch höchstem Niveau. Für mich bisher die Ausgrabung der Saison. Ich bin jedesmal begeistert, wenn gewohnte Kräfte über sich hinaus wachsen. Das ist hier beim Chor, beim Orchester und beim langjährigen Chef-Beleuchter Franck Evin der Fall, der – mit Giftfarben malend – sein Meisterstück abliefert. Ich verließ beschwingt und betroffen zugleich das Haus. Das war genau das, was ich suchte.

Kai Luehrs Kaiser, kulturradio

Weitere Rezensionen