Schaubühne am Lehniner Platz | FIND 2017 - Hamnet © Photo: Ste Murray, Image: Jason Booher
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Schaubühne am Lehniner Platz | FIND 2017 - "Hamnet"

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Hamlet – den kennt nun wirklich jeder. Aber wer hat schon je von Hamnet gehört? Der war Shakespeares einziger Sohn und starb mit nur elf Jahren. Die Dubliner Künstlergruppe "Dead Centre" bringt den vergessenen Shakespeare-Spross auf die Bühne.

Wer Hamlet ist, muss man niemandem erklären. Der dänische Prinz ist eine der berühmtesten Dramen-Figuren der Welt, erschaffen vom ebenso weltberühmten William Shakespeare. Doch wer hat je schon von Hamnet gehört? Er war, wenn man den Quellen glauben darf, Shakespeares einziger Sohn, und starb mit nur elf Jahren. Die Künstlergruppe "Dead Centre" aus Dublin bringt den längst vergessenen Shakespeare-Spross nun auf die Bühne.

Sein oder nicht sein?

Mit biografischen Details über den Jungen halten sich die Briten dabei nicht auf. Man erfährt lediglich, dass Hamnet eine Zwillingsschwester hatte und seinen Vater kaum kannte: Shakespeare schrieb seine Stücke jahrelang fernab der Familie in London.

Dead Centre sind nicht an einer historischen Rekonstruktion eines Familienlebens im 16. Jahrhundert gelegen. Vielmehr benutzen die Theatermacher Bush Moukarzel  und Ben Kidd den frühen Tod eines Kindes, um über den Sinn des Daseins nachzudenken.

Hamnet ist trotzdem keine austauschbare Personalie. Dead Centre lassen den Geist des Jungen auftreten und sich an der großen Figur abarbeiten, die vielleicht sogar nach ihm benannt worden ist: Shakespeare schrieb "Hamlet" drei Jahre nach dem Tod seines Sohnes. Mit der Naivität eines Elfjährigen darf Hamnet die Frage stellen, die auch der Prinz stellt: sein oder nicht sein?

Mit links

Der ebenfalls elfjährige Ollie West steht dabei in einem einstündigen Solo auf der Bühne und meistert seine Rolle grandios. Der junge, smarte Ire beherrscht sein Handwerk wie ein professioneller Darsteller – das ist umso erstaunlicher, da der Abend in all seinen Brechungen und Doppelbödigkeiten sehr komplex ist. Ollie West ist vollkommen textsicher, sein Sprechen stets von der leisen Ironie des schwarzen britischen Humors durchzogen. Er kann so naiv wie komisch sein und die großen technischen Herausforderungen der Inszenierung bewältigt er mit links.

Zuschauerbeteiligung - ein Spiel im Spiel

Passend zum Stück zeigt die Schaubühne den Abend im hauseigenen Globe Theatre. Wie im Amphitheater sitzt man hier im Halbkreis vor der Bühne. Darauf steht eine Leinwand, die das Publikum projiziert, als blicke man in einen Spiegel. Hamnet tritt zunächst als Junge von heute auf, mit Kapuzenpulli und Schulrucksack. Er sei auf der Suche nach seinem Vater, erzählt er dem Publikum. Indem er einen Zuschauer auf die Bühne bittet und mit ihm Hamlet-Szenen nachstellt, arbeitet er sich an den Werken Shakespeares ab. Wie Ollie West den jungen Freiwilligen zum Bühnentod auffordert, ist ziemlich lustig und lässt ein Spiel im Spiel entstehen.

Dieses Durchmischen der Ebenen wird immer weiter getrieben: Auf der Leinwand erscheint der Regisseur Bush Moukarzel als Shakespeare – Hamnet spielt mit ihm, als stünde die Figur direkt neben ihm. Derweil sind auch die Zuschauer noch immer auf der Projektion zu sehen. Ein Paradox entsteht: Der tote Hamnet bewegt sich real über die Bühne – und die Zuschauer sind in den toten Spiegel verbannt. Die Lebenden und die Toten können hier nicht zueinander kommen.

Schön und überzeugend

Man merkt der Inszenierung an, wie sehr ihre Regisseure in die technischen Mittel und Möglichkeiten verliebt sind. Die große Theaterzaubermaschine wird angeworfen und derart mit Filmtechnik vermischt, bis man nicht mehr weiß, wie oft Realität und Zeitebene schon gebrochen und gespiegelt worden sind. Die meisten Technik-Tricks verfolgen jedoch einen philosophischen Zweck. Im Mittelpunkt steht der Skandal um das zu kurze Leben, das man als Erwachsener ja bei sich selbst empfinden kann – nicht nur beim Tod eines Kindes. Die Frage, die Hamnet stellt, lautet: Inwiefern liegt die Entscheidung zwischen "Sein oder Nichtsein" überhaupt in unserer Macht?

Dabei scheuen Dead Centre weder Kitsch noch Pathos, vieles wird dann doch allzu kurzschlussartig miteinander in Verbindung gesetzt. Mit dem großen Tschechow-Abend, den Dead Centre vergangenes Jahr beim Festival präsentiert haben, kann "Hamnet" nicht ganz mithalten. In ihrer kleinen, reduzierten und verspielten Form ist die Inszenierung aber durchaus schön und überzeugend. Nicht zuletzt wegen des vielversprechenden jungen Schauspieltalents.

Barbara Behrendt, kulturradio

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