Schaubühne am Lehniner Platz | FIND 2017 - The Gabriels: Election Year in the Life of One Family © Joan Marcus
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Schaubühne am Lehniner Platz | FIND 2017 - "The Gabriels: Election Year in the Life of One Family"

Bewertung:

Kindheit, Kochbücher und Kartoffeln - Richard Nelson verwebt in seiner neuen Trilogie große nationale Ereignisse mit kleinen Geschehnissen privatem Lebens. Klug durchdacht, aber ...

 "Wie konnte das passieren?" Das war die Frage, die Menschen in der ganzen Welt umtrieb, als am 9. November klar wurde: Donald Trump wird der neue Präsident der Vereinigten Staaten. Der amerikanische Theaterautor und Regisseur Richard Nelson hat einen Dreiteiler geschrieben, der eine fiktive Familie, die Gabriels, durch das Wahljahr 2016 begleitet.  "The Gabriels: Election Year in the Life of One Family" heißt die Trilogie, deren dritter Teil am Wahltag in den USA Premiere hatte. Beim  "Festival für Internationale Dramatik" an der Berliner Schaubühne waren alle drei Teile zu sehen.

Die Gabriels

Obwohl die Zeit vor der Wahlentscheidung weit weg erscheint, ist diese Familiengeschichte heute sogar relevanter als bei der Premiere am 8. November.

Erst als deutlich wurde, dass Trump tatsächlich Präsident wird, entstand das Bedürfnis zu fragen, wie es dazu kommen konnte und welche Sorgen die Amerikaner im Alltag umtreiben.

Die Gabriels sind eine weiße, mittelständische Familie, die immer schon demokratisch gewählt hat. Sie leben ein Stückchen nördlich von New York im kleinen Örtchen Rhinebeck. Man trifft sich im Haus von Thomas und Mary, weil Thomas vor Kurzem gestorben ist. Er war Theaterautor, Mary hat ihn gepflegt und in jungen Jahren als Ärztin gearbeitet. Thomas’ Bruder ist Tischler, dessen Frau arbeitet im Catering. Thomas’ Schwester lebt in New York und ist Assistentin irgendwo im Kunstbetrieb.

Ein gewisser akademischer Bildungsgrad ist also vorhanden – und doch gehört die Familie zu den Verlierern der Gesellschaft. Immer mehr wohlhabende New Yorker kaufen Wochenendhäuser in Rhinebeck und lassen so die Preise in die Höhe schnellen.

Die Gabriels, in Rhinebeck geboren, können sich das Leben hier kaum mehr leisten. George, der Tischler, wird von den reichen Leuten im Preis gedrückt, Patricia, die Mutter, ist von Maklern übers Ohr gehauen worden und hat ihr Haus verpfändet. Ihre schmale Rente reicht nicht für einen Platz im Pflegeheim. Richard Nelson thematisiert die um sich greifende Gentrifizierung und Globalisierung – aber auch die Frage, wohin man gehört und welche Werte zählen.

Nun würde man meinen, dass bei einem Abend zum Wahljahr in den USA die Fetzen fliegen bei der Frage, wer Clinton und wer Trump wählen wird. Doch hier ist das Gegenteil zu sehen: Die Trilogie besteht aus drei sehr ruhigen, leisen Stücken, in denen konkret politische Fragen nur sehr unterschwellig vorkommen.

Naturalistisches Kammerspiel

Alle Teile spielen in Marys Küche. Hier kommen die Gabriels zu unterschiedlichen Anlässen zusammen und kochen gemeinsam. Und zwar ganz real: Das Publikum sitzt um die Bühne herum, auf der ein funktionierender Herd, ein Kühlschrank, eine Spüle stehen. Hier schälen die Gabriels Kartoffeln und schnippeln Gemüse, bis das Essen tatsächlich auf den Tisch kommt. Die Schauspieler blenden die Theatersituation währenddessen komplett aus, sie drehen den Zuschauern oft den Rücken zu und sprechen in Zimmerlautstärke. Über ihnen sind zur Verstärkung 14 Mikrophone angebracht. So entsteht ein naturalistisches Kammerspiel, bei dem das Publikum das Gefühl bekommt, ganz normale Menschen zu belauschen.

Inhaltlich geht es oft banal zu: Da werden Anekdoten aus der Kindheit erzählt und besprochen, wie man am besten die Kartoffeln kleinschneidet. Erst im dritten Teil wird deutlich, dass alle Gabriels auch diesmal demokratisch wählen werden – obwohl sie Hillary Clinton skeptisch gegenüber stehen.

Klug durchdacht, aber ...

Gespräche über Kindheit, Kochbücher und Kartoffeln: Vor allem zu Beginn des fünfstündigen Dreiteilers ist das gewöhnungsbedürftig. Im ersten Teil wartet man noch minütlich darauf, dass die aktuelle Politik endlich auf den Tisch kommt. Schließlich verspricht der Titel eine Auseinandersetzung mit dem  "Wahl-Jahr" im Leben dieser Familie – da wünscht man sich natürlich auch politische Debatten.

Doch so banal und langwierig manches ist: Ab einem gewissen Zeitpunkt setzt der Serieneffekt ein. Man kommt den sehr präzise entworfenen Figuren immer näher und entwickelt fast das Gefühl, Teil dieser Familie zu sein. Die Schauspieler haben daran großen Anteil, da sie so vollkommen beiläufig sprechen und agieren. Und letztlich muss man sich die Frage stellen: Wäre es plausibel, diese Figuren in ihrer Küche die großen politischen Fragen diskutieren zu lassen? Gerade das würde vermutlich vollkommen künstlich wirken. Richard Nelson will Menschen porträtieren, keine Meinungen postulieren. Diese Menschen sind in diesem Fall weniger die Analytiker politischer Ereignisse als ihre passiven Opfer.

Das Konzept des Autors und Regisseurs ist also durchaus klug durchdacht. Was jedoch nichts daran ändert, dass dem Abend auf die ganze Länge trotzdem auch etwas Statisches, Untheatrales und Triviales anhaftet.

Barbara Behrendt, kulturradio

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