Richard Strauss: "Die Frau ohne Schatten" mit Iréne Theorin (Baraks Frau); © Hans Jörg Michel
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Staatsoper im Schiller Theater - Richard Strauss: "Die Frau ohne Schatten"

Bewertung:

Am Sonntag war der indische Stardirigent Zubin Metha am Pult der Staatskapelle Berlin zu erleben. Das nutzte dem Orchester – aber was machte er mit uns?

Bei dieser "Frau ohne Schatten" handelt es sich um eine Drittverwertung (nach der Mailänder Scala und dem Londoner Covent Garden). Woraus sich ergibt: Auch die Festtage wurden von der Discountmaschinerie der Berliner Staatsoper erreicht; zu Eintrittspreisen von 260 Euro abwärts.

Die Premiere war kontrovers. Meines Erachtens gehört die Regiearbeit von Claus Guth zu seinen besseren, wenn nicht besten. Den Märchenstoff Hofmannsthals verbindet er mit einem Hauch Steinhof (eine Wiener Klinik), und verlegt sie in ein Krankenzimmer bzw. Mahagonisalon (unter Mahagoni tut es Guth nicht). Kinderlosigkeit ist der Genesungsalbtraum einer Bettlägrigen. Der Geisterbote ist der Oberarzt. Die böse Amme: Pflegeschwester Michaela.

Die offen freudianische Deutung voller Doppelgänger, Spiegelungen, geflügelten und gehörnten Fabelwesen verbindet sich mit der Post-Décadence-Anmutung des Librettos gut. Eine inszenatorisch eher runde Sache, auch wenn maßlos viel gekrischen und gebrüllt wird. Zubin Mehta, der Promi-Trumpf der Aufführung, schwelgt in Mittelstimmen, bemüht sich um Balance und Fluss. Letzteres gelingt ihm, ersteres weniger. Zu massiv lässt er die Staatskapelle anschwellen und über die Ufer treten.

Ein Dirigent, der so "drauf hält", hat das Werk nicht zureichend durchdrungen. Dank Mehta erlebt man ein All-you-can-eat-Fleisch-Buffet bis zum Abwinken. Es nützt dem Orchester, zwingt aber die Sänger in die Offensive. Und uns? In die Knie.

Richard Strauss: "Die Frau ohne Schatten" mit Iréne Theorin (Baraks Frau), Camilla Nylund (Die Kaiserin) und Wolfgang Koch (Barak); © Hans Jörg Michel
Iréne Theorin (Baraks Frau), Camilla Nylund (Die Kaiserin) und Wolfgang Koch (Barak); © Hans Jörg Michel

Fünf "Wagner-Kanonen" braucht man für dieses Werk, und man hat sie. Am oberen Ende überrascht und sogar überwältigt mich Wolfgang Koch (er ist viel besser geworden seit Thielemanns Aufführung in Salzburg). Ein Schieferfels in der Brandung, singt er den besten Barak seit sehr langer Zeit.

Auch Iréne Theorin gewinnt den Phon-Übergrößen erstaunliche Gestaltungs- und Nuancierungskraft ab. Die Sänger heute, so könnte man verallgemeinern, müssen Unmenschliches aushalten! Daneben klingt Michaela Schuster als Amme inzwischen leicht angesäuert und schwach in der Mittellage.

Das Werk ist besser besetzt als zuletzt bei Kirsten Harms (das Werk war, soweit ich in Berlin zurückschaue, immer nur an der Deutschen Oper). Bei Thielemann, noch länger her, war es (mit Deborah Voigt, Alessandra Marc und Anna Tomowa Sintow) durchaus nicht schlechter besetzt.

Nur, dass man jetzt aus dem kleineren Rahmen des Schiller-Theaters überhaupt keinen Nutzen zieht. Der bestünde darin, abzurüsten, dem Werk sensibler den Puls zu fühlen und nicht im Dauerfortissimo durchzuheizen. Das würde auch der Einzelzimmer-Interpretation Guths entgegenkommen. Doch, merkwürdig: Eingekaufte Produktionen bringen den Rahmen, aus dem sie stammen, irgendwie mit. Der Abend droht, aus allen Nähten zu platzen.

Mit anderen Worten: Zu viel des Guten! Nicht verschwiegen sei, dass Camilla Nylund in der Titelrolle (die hier auch endlich einmal als solche ausgespielt wird) die Vorstellung ihres Lebens singt. Großartig!! Auch Iréne Theorin – mit gleißenden Eisspitzen – ist die beste Färberin seit Ute Vinzing. Große Worte meinerseits zugunsten der Sänger. Auch darstellerisch wurde sehr gut gearbeitet. Der Geheimnis-Konfektionär, der Claus Guth recht eigentlich ist (mit ständigen Anleihen bei Filmen von David Lynch und Alain Resnais), hat die Sache edel eingekastelt.

Mir ist nie so deutlich geworden, wie großartig die Musik von Strauss komponiert wurde. Und dass der Inhalt, von Hofmannsthals Gnaden, ein großer Quark ist. So gut – und so klar – ist diese Aufführung.

Kai Luehrs Kaiser, kulturradio

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