kulturradio-Motiv: Schnecke_Mund; Bild: rbb
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Theater RambaZamba - "Der zertanzte Alexanderplatz"

Bewertung:

Eine schräge und schöne Märchen-Collage in der viel getanzt und viel gträumt wird. Ein wunderschönes Theatervergnügen für Menschen ab 6 Jahren. 

Das Theater RambaZamba ist ein integratives Theaterprojekt für Menschen "mit so genannter Behinderung". Gegründet wurde das in der Kulturbrauerei auf dem Prenzlauer Berg beheimatete Theater 1990 von Gisela Höhne und Klaus Erforth, die selbst ein Kind mit dem "Down-Syndrom" haben und bei den meisten Inszenierungen Regie führen. Das für pädagogische Innovationen und kreative Bühnenpraxis hoch gelobte und oftmals ausgezeichnete Ensemble wird immer wieder im In- und Ausland zu Gastspielen eingeladen. Gestern hatte - in der Regie von Gisela Höhne - ein neues Stück Premiere: "Der zertanzte Alexanderplatz".

Es wird viel getanzt und viel geträumt

Der Titel deutet an, dass es um einen belebten, geschichtsträchtigen, wuseligen Ort in Berlin geht, einen Ort, an dem Menschen aneinander vorbei hetzten, manche die Liebe und die Leidenschaft, andere den Sinn des Lebens oder das Glück oder nur ein bisschen Zuwendung suchen, ein Ort, an dem Geschäfte gemacht werden, an dem betrogen, gelogen und geklaut wird, Dinge verloren gehen und wieder gefunden werden. Hier treffen sich die Kinder und Jugendlichen, denen wir beim Spielen, Tanzen und Träumen zusehen und zuhören. Denn es wird viel getanzt und viel geträumt in diesem Stück der Verwandlungen, bei dem sich die Realität der Großstadt immer wieder mit der Welt der Märchen vermischt, wo die Kinder und Jugendlichen die Märchen durcheinander wirbeln und sich eine eigene Märchenwelt erfinden, um Zuflucht vor den Zumutungen der Wirklichkeit zu finden und glücklich werden zu können.

Es wird bei den Gebrüdern Grimm und bei Hans Christian Andersen gewildert und mit Märchen-Motiven und -Figuren herum gewirbelt, dass es eine wahre Freude und kaum noch zu dechiffrieren ist. Das Rumpelstilzchen kommt vor und die Schneekönigin, Jorinde und Joringel, schöne Prinzessinnen, verzauberte Prinzen, einsame Müllerstöchter und forsche Soldaten, glibberige Frösche, Ratten, Tauben, goldene Kugeln und ein Herz aus Eis.

Die Kinder und Jugendlichen, die sich da immer wieder auf dem Alexanderplatz treffen und sich durch die Märchenwelten tanzen, versuchen, die einzelnen Märchen zu verstehen und in die passenden, richtigen  Handlungsfolgen zu bringen, die Märchen zu erlösen und ihre Figuren zu befreien. Wie sie auch sich selbst verstehen und erlösen und befreien wollen.

Denn ihre Eltern wollen nicht, dass sie immer auf dem Alexanderplatz herum hängen und tanzen, im Gegenteil: sie wollen mit ihren Kindern in eine andere Stadt ziehen und ihnen das Tanzen und Träumen abgewöhnen. Aber da haben sie natürlich die Rechnung ohne die Widerspenstigkeit der Kinder und die Fantasie der Märchenwelten gemacht.

Eine schräge und schöne Märchen-Collage

Der Alex wird - mit all seinen Menschenmassen, Fahrradfahrern, Trambahnen, Geschäften - auf Plastikplanen projiziert, die das Spielfeld begrenzen. Dazu gibt es zwei Live-Musiker, die - mit Gitarren und Schlagwerk - den Rhythmus der Großstadt fiebrig anheizen. Dann marschieren sie alle auf und tanzen fröhlich, die Königskinder und Frösche, Ratten und Rehe, und alle suchen einen Notausgang aus dem Märchen-Labyrinth.

In den Umzugskartons, die sie praktischerweise gleich mitgebracht haben, stecken all die Federn und Felle, Tanzschuhe und Ballkleider, die sie brauchen, und natürlich auch der Papier-Schnee und das Papier-Eis: Denn die böse Schneekönigin will ja alle Herzen vereisen; die Schneekönigin ist hier allerdings ein zynischer Schneekönig mit Zylinder, Fellmantel und Sonnenbrille, er gibt Takt und Ton vor, Choreographie und Tanz, er lässt die Menschen und Märchenfiguren wie hilflose Marionetten zappeln, wirft mit Papier-Eissplittern um sich und unternimmt alles nur erdenkliche und fiese, damit niemand sein Glück und seine Erlösung finden kann. 

Ein wunderschönes Theatervergnügen

Doch irgendwann und irgendwie gibt es natürlich ein großes, glückliches Happyend. Damit es soweit kommt, muss jemand den Mut haben, den Schneekönig abzumurksen und ihm einen Besen ins kalte Herz rammen. Danach ist Ringelpietz mit Anfassen, alle Paare kommen zueinander, knutschen und tanzen und holen auch noch die Zuschauer auf die Bühne zum Schwofen.

Mit einem Wort: es ist eine schräge und schöne Märchen-Collage, die zwischen Realität und Traum pendelt und - wenn Behinderte auf der Bühne stehen und sich kreativ aus vollem Herzen austoben - mit den Maßstäben normaler Theaterkritik nicht vermessen werden darf. Es wäre ungerecht und unangemessen, die gelegentlich etwas mangelnde Textsicherheit oder die eigenwilligen tänzerischen Möglichkeiten der behinderten Schauspieler kritisch zu beäugen. Es ist einfach ein wunderschönes Theatervergnügen, eine fröhliche Geschichte darüber, wie man klug und mutig die Kälte der Herzen besiegt kann. Und alle, die gern Märchenmotive sortieren und zu den richtigen Figuren die passenden Geschichten suchen, die kommen hier voll auf ihre Kosten.

 

Frank Dietschreit, kulturradio

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