"Reise nach Petuschki" ©Volksbuehne/Thomas Aurin

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Reise nach Petuschki"

Bewertung:

Wenedikt Jerofejew, 1938 in Kirowsk geboren und 1990 in Moskau gestorben, war ein von der Obrigkeit geschmähtes Enfant Terrible der sowjetischen Gesellschaft und Literatur. Weil er in kein sozialistisches Raster passte, schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Sein vielleicht bekanntestes und wichtigstes Buch, "Die Reise nach Petuschki", konnte zunächst nur im Ausland erscheinen und kursierte als Kopie lange im Untergrund, bevor der Text dann doch noch kurz vor dem Tod des Autors in der Sowjetunion veröffentlicht werden durfte. In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hatte - in der Regie von Sebastian Klink - jetzt eine Theaterfassung des Poems Premiere.

Er trifft die seltsamsten Menschen

Es ist der Autor selbst, Wenedikt ("Wenitschka") Jerofejew, der als Ich-Erzähler auftritt und von einer angeblichen Reise erzählt, die er mit einem Zug von Moskau nach dem vielleicht 150 Kilometer entfernten Ort Petuschki unternimmt. Er will in Petuschki seine Geliebte besuchen, doch ob es diese Geliebte wirklich gibt und ob er wirklich jemals in Petuschki ankommt, ist wohl eher unwahrscheinlich. Wenitschka ist - wie der Autor im wahren Leben auch! - ein schwerer Alkoholiker, er trinkt von morgens bis abends, und je mehr Alkohol er auf dieser vielleicht realen, vielleicht nur eingebildeten Zugfahrt konsumiert, desto wirrer und verrückter werden seine Gedanken und Erlebnisse.

Er trifft unterwegs die seltsamsten Menschen, es sind allesamt, wie er selbst auch, Alkoholiker und Arbeitsverweigerer, manche erinnern an historische Figuren, andere an Fabelwesen, ständig wird die Bibel herbei zitiert, die Apokalypse und der Untergang der Sowjetunion scheinen nicht mehr fern; und weil er unterwegs beim Aufenthalt an einer Station in den falschen Zug einsteigt und nicht mehr vorwärts, sondern offensichtlich rückwärts fährt, scheint seine Reise auch nicht in Petuschki zu enden, sondern in Moskau. Kaum dort angekommen, wird er auf der Straße überfallen, misshandelt und verliert das Bewusstsein: ob er je wieder erwacht, scheint genauso unwahrscheinlich wie eine Erneuerung des verrotteten politischen Sowjet-Systems, aus dem er sich saufend verabschiedet hat.

"Reise nach Petuschki" ©Volksbuehne/Thomas Aurin
"Reise nach Petuschki" ©Volksbuehne/Thomas Aurin

Eine Live-Band untermalt den Alkoholrausch

Regisseur Sebastian Klink lässt sich von Autor Thomas Martin den Text kürzen und die verrücktesten Episoden herausklauben. Außerdem werden noch ein paar Fremd-Texte in den feucht-fröhlichen Theaterabend hinein geschmuggelt: von Jerofejew und anderen Autoren, näheres verrät der wie immer in der Volksbühne eher schmallippige Programm-Zettel nicht. Der Endlosmonolog des Ich-Erzählers wird auf verschiedene Personen und Rollen verteilt, gesprochen, gespielt, gesungen von vier männlichen und einer weiblichen Darstellerin, dazu eine Live-Band, die den permanenten Alkoholrausch mit delirierenden Rhythmen ziemlich brachial und metallisch untermalt und untermauert.

Krakeelend durch den Theaterraum

Alles ist eine delirierende Fantasie, die vornehmlich auf einer riesigen Film-Leinwand stattfindet, die einzelnen Szenen werden an verschiedenen Orten gespielt und gefilmt - mal hinter dem Papp-Portal eines Bahnhofs, mal auf einer tribünenartigen Empore, mal irgendwo im Bauch der Volksbühne -  und dann werden sie auf die Leinwand projiziert.

Manchmal auch verkleiden sich die Darsteller als Biene oder Bär, Gott oder Satan, Engel oder Sphinx und geistern überdreht krakeelend durch den Theaterraum, in dem die meisten Zuschauer auf dem harten Steinboden sitzen und zuhören, wie sie mit vielen peinlichen Texthängern einen Cocktail aus Rasierwasser und Möbelpolitur mixen, wie sie Unmengen an Wodka saufen, über schlechte und gute Frauen plaudern, über echte und falsche Bärte, über die Schönheit und Ausweglosigkeit der Revolte, die Abwesenheit Gottes und die Traurigkeit eines Lebens ohne Alkohol.

"Reise nach Petuschki" ©Volksbuehne/Thomas Aurin
"Reise nach Petuschki" ©Volksbuehne/Thomas Aurin

Ein sinnloser Stillstand

Alle fünf bis zehn Minuten greift jemand zum Mikrofon und performt - als betrunkener Fahrscheinkontrolleur oder als ordensbehängter Sowjetgeneral - zusammen mit der Band zu wummernden Rhythmen einen markigen Song; und wenn nicht gerade eine Spiel-Szene filmisch verdoppelt wird, fahren - entliehen aus alten Archivaufnahmen - in schwarz-weiß Dampflocks ratternd über die allzeit bereite Leinwand. So vergeht die Zeit, immer passiert etwas, doch trotzdem kommt nichts voran, rasender Stillstand, endlos, lustlos und völlig sinnlos.

Krachlederne Blödelei

Theatralischer Mehrwert der Bühnenfassung dieser poetischen Abrechnung mit dem verkorksten Leben in einer Diktatur: gleich Null. Wer den Roman und seinen Autor kennt, kann nur entsetzt den Kopf schütteln. Statt subversiver Anarchie gibt es krachlederne Blödelei, statt subtiler Gesellschaftskritik viel Lärm um Nichts.

Es scheint: ein ungezogener Castorf-Schüler darf mal Theater-Sau so richtig rauslassen und die plumpe Kopie eines "Rammstein"-Konzerts als von Bühnen-Nebel umwölktes Theater-Event-verkaufen. Für mich war der Abend eine ziemliche Zumutung, eine Theater-Austreibung und Literatur-Vernichtung; für einige Zuschauer aber war es wohl ein toller und unterhaltsamer Abend: denn bei jedem Song wurde laut gejohlt, über jede szenische Blödelei herzhaft gelacht. So unterschiedlich kann die Wahrnehmung und Beurteilung einer Inszenierung oder Theater-Performance sein.

Frank Dietschreit, kulturradio

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