Maxim Gorki Theater; Foto: Gregor Baron
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Gorki-Theater - "Winterreise"

Bewertung:

Am Samstag hatte das erste Stück des Exil-Ensembles Premiere. Es beruht auf einer zweiwöchigen Bustour, die das Ensemble durch Deutschland unternommen hat. Inszeniert hat es Yael Ronen. Wohin führt die Reise?

Das Gorki-Theater ist erste Theater in Deutschland, das geflüchtete Schauspieler für zwei Jahre fest engagiert hat. Im Exil-Ensemble arbeiten sieben Schauspieler aus Syrien, Palästina und Afghanistan. Das erste Stück des Exil-Ensembles heißt "Winterreise" und beruht auf einer zweiwöchigen Bustour, die das Ensemble durch Deutschland unternommen hat. Inszeniert hat den Abend die israelische Regisseurin Yael Ronen.

Es ist ein großes Glück, dass es dieses Ensemble gibt. Professionelle Theatermacher, die geflüchtet sind, bekommen hier die Chance, fest an einem Haus zu arbeiten, als gleichberechtigte Kollegen.

Kälte und Kartoffelsalat

Aber abgesehen davon ist der Abend an vielen Stellen ärgerlich. Der Anspruch war, den Blick umzudrehen und die geflüchteten Künstler auf Deutschland blicken zu lassen. So hat es Ayham Majid Agha, der Leiter des Exil-Ensembles, vorab angekündigt. Aber interessante, neue Sichtweisen bleiben aus. Stattdessen lernen wir Zuschauer, dass es Deutschland ist kalt ist und die Menschen Kartoffelsalat essen.

Verschneite Landschaften

Die Busreise wird Schritt für Schritt nacherzählt. Die sechs arabischen Schauspieler sagen anfangs zu Niels Bormann, dem einzigen deutschen Schauspieler: "Wir müssen über unser Zusammenleben reden. Zeig uns dein Land." Aber miteinander geredet wird dann kaum; schon gar nicht über Wesentliches. Da ist der Abend erstaunlich konfliktscheu.

Auf der Bühne von Magda Willi sind drei große Leinwände im Halbrund aufgestellt. Dort sind Videobilder der Reise zu sehen. Es wirkt fast, als säße man als Zuschauer selbst im Bus und schaute auf die verschneiten Landschaften. Dazu gibt es verschwommene Bilder im Nebel und comic-artige Zeichnungen – ein atmosphärisches Setting, irgendwo zwischen Romantik und Postmoderne.

Auf dem vorderen Teil der Bühne stellen die Schauspieler die Busfahrt nach: Hintereinander aufgereiht sitzen sie auf ihren Rollkoffern. Oder sie stoppen an einem Ort und halten Monologe.

Pegida und Buchenwald

Zuerst führt die Reise nach Dresden. Niels Bormann will da angeblich romantische Baukunst zeigen. Stattdessen landet man bei Pegida. Es ist eine der wenigen lustigen Szenen des Abends, wenn Hussein al Shatheli und Karim Daoud über die Plakate der Demonstranten rätseln und irgendwann auf Arabisch "Wir sind das Volk" rufen. Dann geht es nach Buchenwald. Mazen Aljubbeh erinnert das Konzentrationslager an Folterbilder aus Syrien.

Vergangenheit statt Gegenwart

Die Vergangenheit nimmt den meisten Raum ein. Hussein al Shatheli erzählt von der Flucht übers Mittelmeer, Kenda Hmeidan von ihrer Beziehung, die über die Distanz auseinandergebrochen ist. Um die Gegenwart – das Ankommen in Deutschland, Begegnungen mit Menschen –, geht es fast gar nicht. Das hätte eine Erkenntnis des Abends sein können: Dass die Erfahrungen von Krieg und Flucht stärker sind als die der Gegenwart. Aber das wird leider nicht zum Thema gemacht. Stattdessen klappert das Ensemble brav eine Reisestation nach der anderen ab und fördert vor allem Klischees zu Tage: Frauen im Dirndl, Männer in Lederhosen. Der Diskurs über das Zusammenleben von Deutschen und Neuankömmlingen ist doch eigentlich schon viel weiter.

Der Deutsche vom Dienst

Bei Yael Ronen weiß man nie genau, inwieweit die Figuren auf der Bühne deckungsgleich sind mit den Schauspielern, die sie spielen. Das ist auch hier so. Sie benutzen jedenfalls ihre echten Namen und verwenden Details aus ihren Biografien – und sind dabei unterschiedlich überzeugend.

Niels Bormann ist abonniert auf Rolle des etwas steifen, verklemmten Deutschen. Die hat er schon in vielen Inszenierungen von Yael Ronen überaus komisch gespielt. Diesmal übertreibt er aber. Zum Beispiel, wenn er erzählt, dass Deutsche nur zweimal in der Woche duschen, um Wasser zu sparen. Komik entsteht ja, wenn Verhaltensweisen wiedererkennbar sind. Hier sind sie nur noch abseitig. So kann man diese dramaturgisch wichtige Figur nicht ernst nehmen.

Grimmiger Humor

Maryam Abu Khaled hat schöne tragikomische Momente: Sie hat einen deutschen Mann kennengelernt. Der hat allerdings schon eine Freundin, mit der er eine offene Beziehung führt. Überfordert fragt sie sich, ob es nicht irgendetwas zwischen arrangierten Ehen, die sie aus Palästina kennt, und Polyamorie gibt.

Auch Ayham Majid Agha hat starke Momente. Voll Bitterkeit und grimmigem Humor spricht er darüber, dass er als arabischer Mann per se unter Verdacht steht, Frauen anzugrapschen. Hier hätte die Inszenierung weitergehen können, traut sich aber nicht recht.

Mazen Aljubbeh und Kenda Hmeidan spielen etwas zu äußerlich und deklamierend. Natürlicher und beiläufiger werden sie, wenn sie statt Englisch Arabisch sprechen.

Die Regie macht es den Schauspielern nicht leicht. Es gibt kaum Spielfutter, kaum Szenen. Stattdessen Monologe, die frontal ins Publikum gehalten werden.

Gruppentherapie gescheitert

Yael Ronen gilt ja als Gruppentherapeutin unter den Regisseuren. Man schätzt ihre Abende zu politischen Konflikten; dass sie Schmerzpunkte trifft und durch Komik zu einer Katharsis kommt. Hier aber tut gar nichts weh. Und es ist auch fast nichts lustig. Aber das Gute ist ja, dass das Exil Ensemble auf zwei Jahre angelegt ist. Da kann also noch viel kommen.

Mounia Meiborg, kulturradio

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