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Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker unter Semyon Bychkov

Bewertung:

Zwei Anti-Helden in einem Konzert: Schostakowitsch mit seiner subversiven, doppelbödigen Musik – und Richard Strauss, dessen Held, also er selbst, sich nur durch seine Feinde definiert.

Sein erstes Cellokonzert hat Dmitrij Schostakowitsch für den Cellisten Mstislaw Rostropowitsch geschrieben, und diese Aufnahme hat man unweigerlich im Hinterkopf. Rostropowitsch hat sich oft von seiner Leidenschaft mitreißen lassen, und man kennt diese Aufnahme, in der er mit breitem Strich das Cello fast zersägt.

Gautier Capuçon geht anders an dieses Werk heran. Der erste Satz wirkt extrem trocken, fast eiskalt; die Strukturen werden skelettiert. Das ist gewöhnungsbedürftig, bannt aber im besten Sinne die Aufmerksamkeit.

Frostige Atmosphäre

Zum Zurücklehnen ist das nicht. Im langsamen Satz muss der Solist eine Entscheidung treffen: Ist das in der Zeit der Nach-Stalin-Ära eine Spur des Aufatmens? Sicher, man kann diesen Satz mit Wärme spielen.

Gautier Capuçon entscheidet sich für das Gegenteil, für eine frostige Atmosphäre. Das Cello schleicht sich hinein, kaum kann man den Anfang hören, und auch dann ist es eher ein Tasten, ein Suchen, voller Misstrauen. Capuçon zeichnet das Bild eines Komponisten, der mit staatlicher Verfolgung zu kämpfen hatte und immer noch nicht so recht glauben kann, dass das in seiner extremsten Form jetzt vorbei sein soll. Nie kommt wirklich Behaglichkeit auf. Man muss das so interpretiert nicht mögen, aber konsequent ist es allemal.

Gutes Miteinander

Die Berliner Philharmoniker haben verinnerlicht, dass dieses Cellokonzert nicht nur eine kleine Orchesterbesetzung vorsieht, sondern wirklich kammermusikalisch gedacht ist. Ein Hornist hält grandios dagegen, und das Miteinander funktioniert. Der Solist blickt häufig zum Dirigenten und zum Ersten Konzertmeister, und das zahlt sich aus.

Permanent wechseln Hauptstimme und Begleitung. Die Philharmoniker sind in bester Spiellaune, halten die Spannung bis zum Schluss. Wie gut sich Solist und Orchester verstehen, zeigt die Zugabe, in der Capuçon mit der Cellogruppe ein kleines Stückchen von Pablo Casals spielt, und das in schönster Harmonie.

Riesenorchesterklang

Die Tondichtung "Ein Heldenleben" von Richard Strauss haben die Berliner Philharmoniker nicht selten gespielt, und so wissen sie, seit Karajans Zeiten, wie das zu klingen hat. Der Anfang ist noch ein wenig wacklig, leicht flüchtig und gehetzt, aber dann wächst es zusammen, und wenn das erste Thema nach zwei Dritteln wieder erklingt, sitzt es wirklich.

Der Riesenorchesterklang ist da. Man erkennt die Berliner Philharmoniker als geschlossen agierenden Organismus. Da kann man sich wirklich zurücklehnen und die Klangmassen auf sich wirken lassen. Die Musiker spielen das sehr entspannt und komplett unproblematisch.

Am Stück vorbei

Semyon Bychkov hat es vermieden, eine Interpretation anzubieten. Organisiert hat er das alles sehr gut, aber das "Heldenleben" von Strauss ist mehr. Es ist voller Selbstbewusstsein, voller Ironie und hat einen sehr eigenen Humor, mit dem Strauss letztlich über alle und alles herzieht. Von diesem doppelten Boden hat man hier gar nichts gespürt. Ständig melden sich die "Feinde" und "Widersacher", sie plärren und schnarren. Aber das wird von Semyon Bychkov einfach eingemeindet und Teil des Gesamtwohlklangs.

Auch das zwiespältige Porträt, das Richard Strauss von seiner Frau zeichnet und das nicht gerade schmeichelhaft daherkommt, bleibt auf halber Strecke stehen. Sicher, Noah Bendiy-Balgley, der vorzügliche Erste Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, spielt das unglaublich sauber und gekonnt, ohne Anstrengung, so phantastisch einstudiert, wie man es vielleicht noch nie gehört hat. Aber genau das will Richard Strauss nicht. Vielmehr sollte es zickig, nervig, anstrengend und ein bisschen schief klingen. – Eine Dreiviertelstunde Musik, sehr angenehm, leider aber auch ein bisschen langweilig – und letztlich auf sehr hohem Niveau am Stück vorbei.

Andreas Göbel, kulturradio

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