Deutsches Theater - Jean Racine: "Phädra"

Bewertung:

Das Tolle an der Inszenierung von Stephan Kimmig ist, dass sie nicht versucht, modern zu sein. Sie erzählt einfach die Geschichte. Das ist Theater pur – und erinnert manchmal in seiner Klarheit und Intensität an die großen Antiken-Abende von Michael Thalheimer.

Eine antike Tragödie, die in der Klassik zur Vollendung kommt: Das ist Jean Racines Meisterwerk "Phädra". Uraufgeführt wurde das Stück 1677. Am Deutschen Theater in Berlin hat Stephan Kimmig es jetzt inszeniert.

Das Tolle an der Inszenierung ist, dass sie nicht versucht, modern zu sein; zumindest nicht in einem plakativem Sinn oder im Sinn einer Aufladung des Stückes mit aktuellen Ereignissen. Sondern sie erzählt einfach die Geschichte.

Ehre und Scham als Leitmotive

Die zentralen Begriffe des Stückes – Ehre, Scham, Gesetz – spielen heute natürlich eine andere Rolle als damals. Es gibt ja bereits im Text mehrere Zeiteben: Da ist die antike Urfassung, die Euripides vor 2500 Jahren schrieb, und die das Konzept der Erbschuld ins Zentrum stellt. Racine berief sich 1677, zu Zeiten des französischen Absolutismus, auf diesen Text. Und da ist die Zeit von Friedrich Schiller, der das Stück 1805 übersetzt und nachgedichtet hat. Er hat den Text in wunderbare Blankverse gegossen, die sich – anders als im Original – nicht reimen, und ganz natürlich sprechen lassen. Bei Schiller nehmen die Götter weniger Raum ein; im Zentrum stehen selbstständig denkende und leidende Menschen.

Neben den Konzepten von Moral und Schuld, die sich im Laufe der Zeit verändern, geht es um universelle, urmenschliche Konflikte: Liebe und Hass, Begierde und Eifersucht. Die werden hier von den Schauspielern so konzentriert, so völlig frei von Klischees gespielt, dass es eine Freude ist.

Abstrakte, weiße Bühne

Es ist ein abstrakter, weißer Bühnenraum. Er erinnert ein bisschen an eine Felsspalte; mit Wänden, die an den Seiten aufragen und mit Felsvorsprüngen. Aber das Ganze sieht nicht realistisch aus, sondern hat Ecken und Kanten.

Diese Bühne – die Katja Haß entworfen hat – ist ein philosophischer Raum. Er erinnert ans Geworfensein des Menschens in die Welt, wie Heidegger es beschrieben hat. Es ist ein Raum, aus dem es kein Entkommen gibt. Die Schauspieler versuchen manchmal, die Schrägen hochzukraxeln. Und rutschen immer wieder ab.

Es ist von Anfang an eine ausweglose Tragödie: Phädra liebt ihren Stiefsohn, Hippolyt. Der liebt Aricia, von Vater Theseus gefangen gehalten – auch diese Liebe ist also eine verbotene.

Große Rolle für Corinna Harfouch

Phädra ist eine Paraderolle für große Schauspielerinnen. In Berlin haben unter anderem Jutta Lampe und Corinna Kirchhoff die Rolle gespielt. Corinna Harfouch spielt sie als eine Frau, die mehr und mehr zu sich kommt. Anfangs torkelt sie kraftlos auf die Bühne, fast gebrechlich, und spricht mit geschlossenen Augen. Sie wird dann – während sie dem Tod immer näher kommt – immer lebendiger und leuchtender. Corinna Harfouch erzählt die Emanzipationsgeschichte einer Frau, die ihre Gefühle nicht länger unterdrückt und sich befreit aus dem Korsett der Gesellschaft.

Zwischen Mädchen und Greisin

Harfouch zeigt sehr unterschiedliche Facetten: Manchmal ist ihre Phädra erstaunlich überlegt und pragmatisch. Manchmal mädchenhaft, wenn sie von ihrer Liebe zu Hippolyt erzählt. In unbeholfener Koketterie versucht sie, ihn zu verführen. Wenn sie Theseus, den totgeglaubten Ehemann wiedersieht, wirkt sie wie eine Puppe. Ihr aufgesetztes Lachen erstarrt. Sekundenlang passiert nichts. Bis ganz langsam ihre Mundwinkel anfangen zu zucken.

Diese Phädra ist frei von Selbstmitleid und nimmt ihr Schicksal fatalistisch hin. Harfouch hat ja einen wunderbar trockenen Ton, der hier manchmal etwas Witziges hat. So wie der Abend überhaupt überraschend komische Momente hat.

Tolles Ensemble

Es ist eine große Ensembleleistung. Die meisten Figuren werden sichtbar, auch mit ihrer Tragik. Sie tragen heutige, zeitlose Kleidung in schwarz-weiß. Die Bühne ist leer, es gibt fast keine Requisiten, keine Musik – der Abend ist ganz auf die Schauspieler konzentriert, die Schillers Text fast unbearbeitet sprechen.

Die Figuren überraschen manchmal mit ihren Reaktionen: Wenn Aenone merkwürdig auf Theseus' Schulter hängt, um ihm die Lüge ins Ohr zu flüstern, dass nicht Phädra Hippolyt begehrt, sondern er sie. Oder wenn Phädra Oenone grausamste Dinge sagt und dazu liebevoll übers Haar streicht. Es ist kein Verhalten, das man psychologisch erwarten würde. Das macht es umso eindringlicher und plausibler.

Linn Reusse als Aricia

Alexander Khuon als Hippolyt und Linn Reusse als Aricia haben eine verspielte Liebesszene, hin- und hergerissen zwischen der vorgeschriebenen Distanz und jugendlichem Übermut. Sie zupft ihn schüchtern am Mantel, er kann ihr kaum in Augen schauen. Die Blicke erzählen hier schon die ganze Geschichte. Linn Reusse, die seit dieser Spielzeit neu im Ensemble des Deutschen Theaters und schon mehrmals aufgefallen ist, zeigt hier wieder mal ihr Talent; sehr anrührend, wie dieser Wildfang zwischen Zurückhaltung und Leidenschaft schwankt.

Oenone, die Vertraute Phädras, spielt hier eine große Rolle. Sie dient ihr als Gegenpol, wenn sie dafür plädiert, dass Menschen menschlich sein und Schwächen haben dürfen. Kathleen Morgeneyer spielt sie tänzelnd, durchlässig und als große Tragödin: eine Frau, die ums eigene Überleben kämpft und aus Verzweiflung zur Strategin wird.

Toll und präzise ist auch Jeremy Mockridge als Hippolyts Erzieher Theramen. Er ist ungewöhnlich jung besetzt für die Rolle. Er ist gerade erst mit der Schauspielschule fertig und spielt seine erste größere Theaterrolle – ein Schauspieler, von dem man hören wird.

Theseus fällt daneben etwas ab. Bernd Stempel gibt ihn als jovialen Draufgänger, der zwischendurch auch mal Frauen begrapscht. Das macht die Figur etwas zu klein. Zumal Bernd Stempel zu einem Sprachsingsang neigt, bei dem der Sinn manchmal verloren geht.

Klarheit und Intensität

Es gibt viel zu sehen, was auf den Bühnen zurzeit eher Mangelware ist: Perfektes Timing. Ein genauer Umgang mit Sprache. Und Vertrauen in Schauspieler. Das ist Theater pur – und erinnert manchmal in seiner Klarheit und Intensität an die großen Antiken-Abende von Michael Thalheimer.

Mounia Meiborg, kulturradio

Weitere Rezensionen