Maxim Gorki Theater; Foto: Gregor Baron
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Maxim Gorki Theater - "Verräter – Die letzten Tage"

Bewertung:

"Verräter" ist nicht nur eine schwache neue Falk-Richter-Arbeit, sondern vor allem ein wohlfeiler Abend. Die Inszenierung verfestigt die Spaltung zwischen "uns" Guten hier drinnen und "euch" Demokratie-Verrätern da draußen. Da sollte man immer skeptisch werden.

Der Autor und Regisseur Falk Richter hat in den letzten Jahren mit wütenden Polemiken die Berliner Bühnen aufgemischt. In "Smalltown Boy" am Maxim Gorki Theater hält ein schwuler Schauspieler eine Hass-Rede auf homophobe Politiker, in "Fear" an der Schaubühne stellt Richter die AfD und deren rechte Parolen als debiles Gruselkabinett aus. Einige Parteimitglieder zogen vor Gericht, es kam zu Störungen der Aufführungen, Richter erhielt Morddrohungen – im Rechtsstreit siegten dann aber das Theater und die Kunstfreiheit.

Pseudo-Provokation

Nun wurde Falk Richters neuste Arbeit "Verräter" am Gorki Theater uraufgeführt – doch die an diesem Abend deutlich spürbare Absicht, provozieren zu wollen, führt höchstens zu einer Pseudo-Provokation. Inhaltlich wirken die Szenen oberflächlich, ästhetisch meist grobschlächtig, sodass sie kaum mehr als ein Schulterzucken auslösen. Etwa, wenn Daniel Lommatzsch sich in einem langen Monolog am Bild des angeblich "echten Mannes" abarbeitet, das jemand wie Putin repräsentiert, wenn er mit nacktem Oberkörper zu Pferde durch die Natur reitet.

Lommatzsch nimmt auf der Bühne die Position des rechtsnationalen Mannes ein, der den Kampf benötigt, der die Frau wieder an ihren "rechten Platz" verweisen will, weil er sich vor ihr fürchtet – das sind so uralte Stereotype, dass man sich von den reaktionären Glaubenssätzen darin kaum provozieren lassen kann. Ohnehin sind sich alle Zuschauer einig, was man von diesen "starken Männern" zu halten hat. Damit rennt man auf der Bühne lediglich offene Türen ein.

Vielversprechender Anfang

Nur zu Beginn des Abends stehen die titelgebenden "Verräter" im Zentrum: Menschen, die meinen, ihre Herkunft, ihre soziale Schicht, ihre Familie verraten zu haben. Die sechs Schauspieler sprechen über sich selbst und ihre eigenen Biografien – wie das ja heutzutage auf der Bühne gang und gäbe ist, vor allem am Gorki Theater.

Mareike Beykirch erzählt von ihrer Kindheit in einem Plattenbau in Sachsen-Anhalt, die Mutter zunächst Putzfrau, dann arbeitslos. Sie erklärt, wie schnell man sein Umfeld "verrät": indem man Bücher mit fremd klingenden Titeln liest, indem man die falschen Vokabeln benutzt, indem man beim Fernsehen an anderen Stellen lacht als die Mutter.

Und Mehmet Ateşçi erinnert sich, wie er als Deutsch-Türke den Putsch in Istanbul mit seinem Freund erlebte – und dort aus Angst seine türkische und seine schwule Identität "verraten" hat. Das sind die vielversprechenden Anfänge der Inszenierung – die sich dann aber schnell in einer assoziativen Verkettung verschiedenster Reizthemen verlieren.

Kein Miteinander

Miteinander gespielt wird auf der Bühne so gut wie gar nicht. Zu 90 Prozent besteht der Abend aus langen, sehr langen Monologen, die die Darsteller an der Rampe ins Publikum sprechen. Sie stehen dabei in einem schwarzen Aschehaufen, Sinnbild der verbrannten Erde, der beginnenden Apokalypse. Um sie herum Videoleinwände, auf denen Wälder, Städte, Dörfer projiziert werden – passend zum jeweiligen Monolog.

Diese Texte verlieren dann immer mehr an Fokus, wie auch der gesamte Abend vor sich hin mäandert und sich eine Szene beliebig an die nächste reiht: von Facebook und Hate-Speech über die AfD, Trump, Erdogan, weiter zur Gender-Diskussion, zu Sprech- und Denkverboten, hin zur Authentizitätsdebatte (also zur Frage, ob man auf der Bühne nur noch sich selbst spielen darf) und zur uralten These der Postmoderne, dass der Dialog ausgedient hat und sich die Menschen nicht mehr mit anderen verständigen können.

Überzeugende ästhetische Form fehlt

Falk Richter würde nun wohl einwerfen, dass genau dieser assoziative Themenwechsel beabsichtigt ist: Menschen können nicht mehr den einen klaren Gedanken aussprechen, sie sondern mehr und mehr Sprachmüll ab und pusten ihn ins Netz. Damit hat er natürlich Recht – und auch, wenn diese Einsicht nicht neu ist, kann man sie zweifellos erneut auf der Bühne diskutieren.

Dafür braucht es jedoch eine überzeugende ästhetische Form, und die findet Richter weder beim Schreiben noch beim Inszenieren. Genau so wenig, wie man gelangweilte Figuren auf der Bühne nicht langweilig inszenieren darf (siehe Tschechow), sollte man den Sprachmüll der Figuren nicht schlicht anhand von noch mehr Sprachmüll reproduzieren.

Dem Abend fehlt jeder präzise Gedanke, jede scharfe Formulierung. Es bleibt beim unscharfen Befindlichkeitsgeseusel mitteljunger Großstädter, die irgendwie auch mal etwas tun wollen gegen die fortschreitende Spaltung der Gesellschaft, aber nicht wissen, was.

"Verräter" ist nicht nur eine schwache neue Falk-Richter-Arbeit, sondern vor allem ein wohlfeiler Abend. Es ist eben furchtbar einfach, sich in Berlin-Mitte, vor jungem, mehrheitlich linksliberalem Publikum über den Orang-Utan und Horror-Clown Trump zu echauffieren, auf Erdogan zu schimpfen und sich auf die Schulter zu klopfen, dass man selbst auf der richtigen Seite steht. Die Inszenierung verfestigt die Spaltung zwischen "uns" Guten hier drinnen und "euch" Demokratie-Verrätern da draußen. Da sollte man immer skeptisch werden.

Barbara Behrendt, kulturradio

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