Komische Oper Berlin: Aribert Reimanns "Medea" mit Nicole Chevalier (Medea); © Monika Rittershaus
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Komische Oper Berlin - "Medea"

Bewertung:

Aribert: im Glück! Betrachtete man den Komponisten, wie er beim Schlussapplaus allen sieben Sängern seiner Oper "Medea" dankbar um den Hals fiel, so war diese Aufführung ein voller Erfolg.

Reimanns Opern haben in Berlin, wo er lebt und schreibt, große Tradition – besonders schön war "Das Schloss" (1992); sehr erfolgreich gewiss auch sein "Lear" (vor einigen Jahren an der Komischen Oper). Wenn trotzdem nach der Premierenpause einige Stühle leer blieben, so mag das daran liegen, dass der Name des Altmeisters inzwischen so bekannt ist, dass er Menschen anlockt, die dann doch vielleicht eine Spur geschockt sind. Ich bin gern geblieben.

Dramatisch packend

Es gibt kaum Opernkomponisten, die so dramatisch packend, theaterhaft und budenzauberisch vorgehen wir Aribert Reimann. Da säuselt nichts, da röcheln höchsten die hingemordeten Tragödienopfer. Den Sängern weht eine steife Bläserbrise kontrapunktisch ins Gesicht.

Freilich merkt man, sofern nicht ganz so gut gesungen wird wie damals in Wien (wo immerhin Marlis Petersen die Medea war), wo bei Reimann gelegentlich einmal die Grenze von der Originalität zur Masche übersprungen wird. Bei mehrsilbigen Worten neigt er fast regelmäßig dazu, den letzten Vokal aufzubrechen, in Sprünge aufzulösen und also Meli-hi-smen und Inver-va-halle einzubauen; als mü-hü-hüsst’s so sein.

Gerbstoffe im Sopran

Als Medea schickt die Komische Oper einen der von ihr selbst hervorgebrachten Stars in den Ring. Nicole Chevaliers leichte Grell- und Gerbstoffe im Sopran mag man für tragödisch angemessen halten. Das Problem geht da los, wo Chevalier eine Grundaufgeregtheit, nervliche Angekratztheit und Angeknippstheit nie ablegen kann. Von der Regie wird das eher unterstützt; limitiert aber den Abend.

Es gibt keinen Grund, Medea als Hysterikerin anzulegen. Auch in Grillparzers Trilogie "Das goldene Vlies" (dessen letzter Teil die "Medea" bildet) ist der Mord an den eigenen Kindern nicht Ausdruck einer inneren Eskalation. Sondern eines ruhig sich vollziehenden Fatums. Deswegen auch das gute Ende, bei dem Medea das Beute-Vlies zurück nach Delphi schickt (eine Pointe, die einen der Gründe dafür bildete, dass Reimann den Text überhaupt vertonte).

Dennoch ist die Aufführung ein sehr guter Ausweis für den sängerischen Zustand des Hauses (auch wegen Günter Papendell als Jason).

Regisseur Benedict Andrews hält sich produktiv zurück, lässt seinen Bühnenbildner Johannes Schütz eine schwarze Ebene mit Torf bestreuen und präsentiert die Oper als "Lehrstück ohne Lehrinhalt". Die Inszenierung ist besser gelungen als die damalige Wiener Uraufführung (von Marco Arturo Marelli). Andrews trifft die antike Schraffur Grillparzers besser.

Emotionale Grabenstürme

Also: Hingehen, die Aufführung ist ein schönes Sammlerstück für Reimann-Freunde (im Herbst folgt dann an der Deutschen Oper seine neue Maeterlinck-Oper). Schlichtweg großartig ist, wie dieser Komponist den kathartischen Erschütterungseffekt – also die antike Technik, uns auf dem Gemütswege an die Nieren zu gehen – ganz in die Musik hineingenommen und transferiert hat.

Solch emotionale Grabenstürme (vom Orchester der Komischen Oper super umgesetzt) macht ihm niemand nach.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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