TT17/Konzert Theater Bern: Die Vernichtung mit Deleila Piasko, Lukas Hupfeld, Sebastian Schneider und Jonas Grundner-Culemann; © Birgit Hupfeld
Berliner Festspiele
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Theatertreffen 2017 - Konzert Theater Bern: "Die Vernichtung"

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In Olga Bachs Kitchen-Table-Drama "Die Vernichtung" geht es um  junge Leute, die einen Kick gegen die Alltagstristesse brauchen. Wie geht der neue Regiestar Ersan Mondtag seine Inszenierung an?

Was soll das Theater? Radiotag zum Theatertreffen 2017, hier: Regisseur Ersan Mondtag; © Carsten Kampf
Ersan Mondtag im kulturradio-Studio; © Carsten Kampf | Bild: Carsten Kampf

Der Berliner Regisseur Ersan Mondtag ist gerade einmal 30 – und schon zum zweiten Mal in Folge beim Theatertreffen zu Gast. Er wird als neuer Regiestar gehandelt und setzt sich auch selbst kräftig in Szene: Er würde gern Thomas Ostermeier an der Schaubühne beerben, sagte er kürzlich in einem Interview.

Sein Markenzeichen sind bildgewaltige Inszenierungen, die Zuschauer und Kritiker polarisieren: Die einen sind davon fasziniert, die anderen werfen ihm Form-Spielereien und dürftige Inhalte vor. Am Samstag hatte "Die Vernichtung" vom Konzert Theater Bern beim Theatertreffen Premiere, eine Stückentwicklung von Mondtag und der Autorin Olga Bach.

Auch diese Arbeit wurde vom Publikum extrem unterschiedlich aufgenommen: So viele Buhs bei gleichzeitig so vielen Bravo-Rufen hat es lange nicht beim Theatertreffen gegeben. Auf der einen Seite die evententschlossenen Zuschauer, die zu den harten Techno-Beats mitwippten und sich von Mondtags optischer Opulenz und der ohrenbetäubenden Musik gern haben überwältigen lassen – auf der anderen Seite jene Zuschauer, die sich anderthalb Stunden lang fragten, was hier eigentlich erzählt wird.

TT17/Konzert Theater Bern: Die Vernichtung mit Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann, Sebastian Schneider und Lukas Hupfeld; © Birgit Hupfeld
Deleila Piasko, Jonas Grundner-Culemann, Sebastian Schneider und Lukas Hupfeld; © Birgit Hupfeld

Ort der Verdammnis

Mondtag, der als Regisseur immer auch das Bühnenbild und die Kostüme verantwortet, hat einen trügerischen Garten Eden im expressiven Stil eines Ernst Ludwig Kirchner entworfen. Zwischen grünen Bäumen, rotem Klatschmohn und einem blauen Teich schwingt eine Schaukel durchs Bild. Da und dort stehen ein paar klassische Statuen.

Aus einem Torbogen treten dann zu den schweren Klängen von Brahms' Requiem vier Menschen in dieses Schein-Paradies. Sie tragen bemalte Ganzkörper-Bodys und sehen aus wie zum Leben erweckte Bewohner eines Gemäldes.

Dieses Naturparadies verwandelt sich dann mehr und mehr zu einem Ort der Verdammnis. Die vier Figuren, allesamt Narzissten von heute, lamentieren über ihr leeres Leben, vertreiben sich mit routiniertem Sex und Drogen-Exzessen die Langeweile – und werden dabei immer aggressiver, bis sie am Ende zu den wummernden Techno-Beats und einem markerschütternden Bass im Gleichschritt marschieren.

Nach zehn Minuten ist alles klar

Olga Bach hat "Die Vernichtung" in enger Abstimmung mit Ersan Mondtag entwickelt. Sie stellt darin die These auf, dass wir in unserer narzisstischen Gesellschaft ganz nah am Abgrund zum Faschismus stehen. Das allein ist schon eine plakative Behauptung – bei Bach wird sie zu einem so oberflächlichen wie tristen Zeitgeist-Gejammer. Nach zehn Minuten ist schon alles klar, weiteres Mitdenken erübrigt sich.

Der Abend hat ein großes Dilemma: Dieses Geplapper über den grassierenden Narzissmus will so überhaupt nicht passen zu Mondtags Sehnsucht nach großen, überzeitlichen Tableaus. Der Regisseur entwirft spektakuläre Bildwelten, während auf der Text-Spur nur Banales gesprochen wird. Das bestätigt den Verdacht, dass Mondtag ein großartiger Bühnen- und Kostümbildner ist, aber kein Regisseur, der Sprache und Inhalte damit verbinden kann.

Resümee zum Theatertreffen

Mit Ersan Mondtags Inszenierung ist das Theatertreffen gestern zu Ende gegangen. Offenbar hatte es die neue, deutlich jünger besetzte Kritiker-Jury darauf angelegt, eine größere ästhetische Bandbreite abzubilden und Künstler zu berücksichtigen, die bisher nicht gewürdigt worden waren. Die Performer von Forced Entertainment etwa und der Dortmunder Intendant Kay Voges mit seinem Digital-Theater.

Auf dem Papier sah das gut aus – auf der Bühne blieb es oft hinter den Erwartungen zurück. Forced Entertainment haben in 30 Jahren weit spannendere Arbeiten produziert als diesen netten, ziemlich belanglosen Quiz-Abend "Real Magic". Und Kay Voges’ groß angekündigte "Borderline-Prozession" war zwar technisch aufwändig, aber eher theorielastig als bildgewaltig.

Wirklich stark war allein Milo Raus "Five Easy Pieces", eine kluge Inszenierung, bei der Kinder die Geschichte des belgischen Kindermörders Marc Dutroux beklemmend nachstellen.

Ganz offensichtlich ist, dass die Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen nicht mehr im Zentrum der Debatten steht, wie das wohl noch vor zehn Jahren der Fall war. Das liegt an der Unzahl von Nebenveranstaltungen und Gastspielen, die von der Festspielleitung ins Programm gepumpt werden. Dadurch wird das Theatertreffen immer mehr zum Allerweltsfestival: Masse statt Konzentration.

Und so verliert es immer mehr sein Alleinstellungsmerkmal: dass nämlich nicht die Vorlieben von ein, zwei Kuratoren das Programm prägen, sondern die strenge Auswahlprozedur von sieben Kritikern, die sich ihrerseits dann wieder der Kritik zu stellen haben.

Barbara Behrendt, kulturradio

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