Peter Mauro; © Franziska Schrödinger
Franziska Schrödinger
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Konzerthaus Berlin - Hommage an Alfred Brendel

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Naturbursche und alter Hase: Der junge Schweizer Tenor Mauro Peter und das Liedpianisten-Urgestein Helmut Deutsch präsentieren eine "Schöne Müllerin", die unter die Haut geht mit einer psychologisierenden Dichte der Extraklasse.

Alfred Brendel war da. Kurz vor Beginn nahm er im hinteren Drittel des Kleinen Saales im Konzerthaus Berlin Platz. Musste er ja auch – schließlich hatte er im Vorfeld angekündigt, wenn möglich, alle Konzert "seiner" Hommage zu besuchen. Und Pflicht war es auch, weil ohnehin Franz Schubert immer einer der wichtigsten Komponisten im Musikleben Brendels gewesen ist. Die letzte Zugabe von Brendels letztem Soloabend in Berlin war das Schubert-Impromptu in Ges-Dur.

Aber vor allem war der junge Schweizer Tenor Mauro Peter Alfred Brendels Wunschinterpret für die "Schöne Müllerin". Ganz selbstverständlich war es nicht, dass Peter auftreten konnte. Er hatte zuvor einen Bühnenunfall und infolge dessen eine Fußverletzung und trat daher, von Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann angekündigt, mit Frack – und Turnschuhen auf.

Naturbursche mit Körperspannung

Mauro Peter ist unter Schubert-Kennern längst mehr als ein Geheimtipp. Er verfügt über eine hochkultrivierte, facetten- und farbenreiche Stimme. Und er kann das alles auch sehr authentisch vermitteln. Mit gerade 30 Jahren nimmt man ihm den Müllersburschen ab, der sich in eine Müllertochter verliebt, die seinem Nebenbuhler den Vorzug gibt, worauf er sich im Bach ertränkt.

Mauro Peter singt das mit jugendlichem Drang, mit Energie und – im positiven Sinne – Naivität. Er kann ganz einfach von Herz und Schmerz singen, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Er erlebt und durchleidet das geradezu körperlich. Während der Klaviervorspiele hat er eine so intensive Körperspannung, dass er es kaum abwarten kann, vergleichbar einem Rennpferd kurz vor dem Startschuss.

Meister der Gestaltung

Erstaunlicherweise hat Mauro Peter als Tenor mit der Höhe am meisten zu kämpfen. Da ist es mitunter etwas angestrengt, von wenig Leichtigkeit und etwas blass. Dafür geht seine voluminöse Stimme sofort über die Rampe und ergreift.

Mit seinen jungen Jahren ist er bereits jetzt ein Meister der Gestaltung, interpretiert jede Strophe eine Spur anders, kann aus einer einzige Silbe, wenn nötig, Farben und Nuancen herauskitzeln. Sicher, das ist die Geschichte vom Verliebtsein, vom subjektiven Erleben, aber es wirkt nie unkontrolliert. Wärme, Dichte und Nähe sind vorhanden, aber Mauro Peter bleibt immer auch der Erzähler und hält das bis zum Schluss in wunderbarer Balance.

Alles bleibt offen

Das tragische Ende der Geschichte ist bei Mauro Peter schon erstaunlich früh erahnbar. Schon dort, wo sich der Müllersbursche seiner Liebe sicher wähnt, findet sich ein wenig Ironie, ein kurzes Abdriften in Todessehnsucht. Das ist oft nur die Schattierung eines einzigen Tones, aber es ist spürbar. Und durch diesen Farbenreichtum kann der Tenor auf einen plötzlichen Umschwung verzichten.

Bis zum Schluss bleibt trotz allem eine leise Hoffnung. Das letzte Lied, das schon gar nicht mehr der Müllersbursche singt – der hat sich da schon längst ertränkt – sondern der Bach: Das wirkt wie eine Reflexion, wie eine Zusammenfassung der Geschichte, und es ist so geerdet, dass es wie ein böser Traum wirkt. Ist der Protagonist gar nicht tot, sondern steigert sich in seinem Liebeskummer nur in Visionen der Selbstauslöschung? Das alles so facettenreich, beherrscht und intensiv darstellen zu können, zeigt die große Begabung von Mauro Peter.

Der alte Hase

Wie oft Helmut Deutsch die "Schöne Müllerin" am Klavier "begleitet" (unsinniges Wort – wie kann man Schubert-Lieder am Klavier begleiten!) hat, weiß er mit Anfang 70 wahrscheinlich selbst nicht mehr. Da gibt es bei ihm nicht einen Ton, der nicht bewusst gestaltet ist. Ja, das ist kompetent, aber noch mehr fasziniert, wie er die Interpretation eines Sängers aufnimmt, sie vorbereitet, ergänzt und kommentiert. Mit einem einzigen Ton kann er, wenn nötig, alles sagen, so dass man den Subtext eines Liedes versteht.

Gerade im letzten Lied, "Des Baches Wiegenlied", hört man alles mitschwingen, die Glocken, die Echos der Jagdsignale, die Posaunen für den Verstorbenen … Das geht unter die Haut und weist Helmut Deutsch als einen der weltweit größten Liedinterpreten überhaupt aus. Klar, dass so ein alter Hase zwei der drei Zugaben von Mauro Peter auswendig begleitet. Für das "Heidenröslein" und den "Musensohn" muss er sich keine Noten mehr aufs Pult legen (allenfalls für den "Jüngling an der Quelle", das man deutlich seltener zu hören bekommt). Ein wirklich faszinierender, großer Liederabend.

Andreas Göbel, kulturradio

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