Stephan Graf von Bothmer, Stummfilmmusiker; Foto: © Birgit Meixner
Download (mp3, 4 MB)

Nikolaisaal Potsdam - DFB-Pokalfinale als Live-Konzert

Bewertung:

Fußball als Livekonzert – so etwas kann nur der stummfilmerprobte Stephan Graf von Bothmer. 2 x 45 Minuten hat er durchgespielt – und musste um Aufmerksamkeit kämpfen, denn das Spiel zwischen Dortmund und Frankfurt wurde spannender als zunächst gedacht.

Spannend war der Abend, aber zunächst einmal durch rein fußballerische Gründe. Das Spiel war phasenweise ausgeglichen, und wer dachte, nach dem 1:0 von Borussia Dortmund sei die Sache erledigt, wurde dann doch überrascht, dass es zur Pause ausgeglichen stand und die Entscheidung lediglich durch ein Elfmetertor fiel.

Für Berlin war die Sache immerhin nicht ganz unwichtig, denn durch den Sieg der Dortmunder ist Hertha BSC direkt für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert. Da hat der Verein mehr Glück gehabt, als nach der durchwachsenen Saison verdient gewesen wäre, aber das ist eine andere Frage …

Keine Konzertatmosphäre

Im Potsdamer Nikolaisaal hatte sich ein durchaus fußballbegeistertes Publikum eingefunden. Das Spiel wurde auf Großbildleinwand übertragen. Und: Ja, es ist wie im Stadion selbst. Wenn man sieht, was auf dem Platz passiert, braucht man weder Fernsehkommentare noch Klavierbegleitung.

Die wirklich emotionalen Reaktionen gab es aus dem Spielverlauf selbst. Klar, wenn der Ball an den Pfosten geht, ist Stimmung im Saal. Konzertatmosphäre kam gar nicht erst auf, und wenn mit dem Spiel mitgefiebert wurde, konnte es auch mal laut werden.

2 x 45 Minuten (plus Nachspielzeit)

Stephan Graf von Bothmer ist stummfilmerprobt. Er hat Ausdauer und Geduld. Und so hat er weite Teile des Spielverlaufs erst einmal unter eine bewegte Klangfläche gelegt. Sehr gefällig hat er keinen Anspruch gehabt, sich in den Vordergrund zuspielen. Hier ging es um Begleitung, und das fast durchgehend tonal.

Sein Flügel stand links am Bühnenrand, auf dem Notenpult ein Minibildschirm, um alles dicht verfolgen zu können, vor sich ein paar Notenblätter. 2 x 45 Minuten hatte er durchzuhalten – wenn es spannender wurde, nahm die Bewegung zu, bei einer Auswechslung, wo nichts weiter passierte, nahm er das Tempo raus. Seine Begleitung war eher illustrativ. Über manche Schiedsrichterentscheidung konnte man geteilter Meinung sein, aber das hat er musikalisch nicht weiter kommentiert.

Musikalische Hitparade

Langweilige Spielpartien hat Stephan Graf von Bothmer mit einem Griff in die musikalische Hitparade überbrückt, von "Phantom der Oper" bis zu "Take Five". Einmal wurde es sogar ironisch: Als Marco Reus von Borussia Dortmund mit einer Knieverletzung am Boden lag, spielte Bothmer "Killing me softly" …

Am Beginn der zweiten Halbzeit hat er kurzzeitig zur Maultrommel gewechselt, und als zwischen beiden Mannschaften ein wirklicher Schlagabtausch begann und die Gefahr bestand, dass man die Musik vergessen konnte, weil man mitfieberte, ob Frankfurt doch noch den Ausgleich schafft, zog von Bothmer die Aufmerksamkeit sogar eine Spur gewaltsam an sich mit Themen aus "Harry Potter" und "Star Wars" (sogar "White Christmas"?). Hier musste er um die Aufmerksamkeit des Publikums kämpfen.

Unterhaltsam

Stephan Graf von Bothmer hat den Abend mit Humor genommen. Anders geht es auch nicht. Als am Ende der Halbzeitpause der Ton der Pausenbespielung mit Helene Fischer ausgeblendet wurde, gab es im Publikum dankbaren Beifall. Eine solche Idee kann man auch nur dann umsetzen, wenn man wie von Bothmer genügend Routine hat und einen nichts überraschend kann.

Oder doch? Die musikalisch spannendste Szene gab es kurz vor dem Abpfiff. Da bekam Frankfurt einen letzten Freistoß. Sollte doch noch der Ausgleich und damit die Verlängerung möglich sein? Stephan Graf von Bothmer schien spürbar mitzufiebern und begleitete das einzige Mal an diesem Abend atonal. Das hat ihn offensichtlich nicht kalt gelassen.

Unterhaltsam war das alles: die Idee des Nikolaisaals, das Fußballspiel und nicht zuletzt Stephan Graf von Bothmers musikalische Untermalung, hoch professionell.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen

Vladimir Stoupel; © Gregor Baron
Gregor Baron

Konzerthaus Berlin - 2 x hören ZEITGENÖSSISCH

Manchmal möchte man ein Buch, das man gerade ausgelesen hat, direkt noch einmal von vorne beginnen. Und manchmal möchte man ein Musikstück einfach gleich noch einmal hören. "2 x hören" heißt die Reihe im Konzerthaus, die dieses Doppelthören möglich macht.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung: