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Nikolaisaal Potsdam - Krömer: "Heute stimmt alles"

Bewertung:

Kurt Krömer spielt nach wie vor den typischen Berliner Proll - gemein und aggressiv, aber eben auch sehr schlagfertig - und ist dabei rasend komisch.

"Ich erzähle keine Witze, ich bin der Witz." – bei seinen ersten Auftritten im Berliner Scheinbar-Varieté hat Kurt Krömer mit diesem Satz noch Befremden ausgelöst. Inzwischen ist er ein Star. 2011 hat er für "Krömer – die internationale Show" (im rbb Fernsehen) sogar den Grimme-Preis erhalten. Doch jetzt macht er kein Fernsehen mehr und tourt lieber live durch die Lande. Mit dem Programm "Heute stimmt alles" will er "Substanz und gut ausgefeilte Inhalte anbieten". Das Publikum im Potsdamer Nikolaisaal bereitete ihm einen begeisterten Empfang.

Rasend komisch

Schon bevor Krömer auf der Bühne erscheint, klatschen die Leute im Takt, und wenn er "Tach, ihr Mäuse" sagt, gibt's die ersten Lacher. Der Mann kann machen was er will. Publikumsbeschimpfung, Selbstentblößung, Fäkalsprache – alles was auf der Bühne normalerweise peinlich wirkt, hat Krömer im Programm. Er inszeniert sich als schlecht gelaunter Underdog, echauffiert sich im Berliner Dialekt über Gott und die Welt – und ist rasend komisch.

Geheimnis Überrumpelungstaktik

Das Geheimnis ist Krömers Überrumpelungstaktik. Er tut so, als wäre er ein bisschen zurückgeblieben - grinst debil, kombiniert schlecht sitzende Anzüge mit supergrellen Krawatten und trägt eine Brille mit dicken Gläsern. Man erwartet nicht, dass dieser Typ gleich lospoltern wird. Aber genau das tut er. Kaum ist er auf der Bühne, da ist er schon auf 180, flucht über Baumärkte, wo man nie Verkäufer findet, über Handwerker, die immer gleich sagen "Dit wird teuer", aber noch nicht mal eine Fliese richtig verfugen können.

Gemein, aggressiv und schlagfertig

Alles, was er sagt, wirkt spontan. Auch Gags, die er schon seit Jahren im Programm hat, klingen, als hätte er sie gerade erst erfunden. Er geht auf das Publikum zu, spricht Leute an, umarmt sie und verteilt sogar feuchte Küsse. Aber er wird im Handumdrehen aggressiv und schreit herum, wenn sie nicht tun, was er sagt. Einem Mann, dem er gerade noch bei der Umarmung die halbe Wange abgeleckt hat, trägt er zum Beispiel auf, er solle die Liebe weitergeben und alle anderen Zuschauer umarmen. Natürlich steht der arme Kerl einfach nur da und Krömer brüllt: "Gib die verfickte Liebe weiter!" - Ein klarer Tabubruch, aber Krömer kann sich das leisten, weil er sich selbst als Kunstfigur etabliert hat. Bürgerlich heißt er Alexander Bojcan und ist lieb und nett. Nur auf der Bühne macht er Witze über Öko-Trullas, die er schon vor 20 Jahren die Rolltreppe runtergeschubst hätte. Er spielt den typischen Berliner Proll - gemein und aggressiv, aber eben auch sehr schlagfertig.

Es bleibt bei Verballhornung

Eine politische Botschaft kann man bei ihm nur viel gutem Willen finden. Klar steht er irgendwie für den kleinen Mann, der Minderwertigkeitskomplexe mit Aggressivität kompensiert, klar kann man das auch auf die Gesellschaft beziehen, klar hat er auch ein paar Witze über Pegida im Programm. Er findet die Bewegung so intelligent wie 100 Hektar Mischwald und macht sich über ein Interview lustig, in dem eine besorgte Dresdnerin erklärt hat, sie wolle Weihnachten nicht in einer Moschee feiern. Doch er bleibt bei der Verballhornung, die Analyse bleibt aus. Ein Kabarettist ist Krömer sicher nicht. Krömer ist Krömer und beschäftigt sich am liebsten mit sich selbst.

Oliver Kranz, kulturradio

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