Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten. Volumen 9 © Winfried Reinhardt
© Winfried Reinhardt | Bild: Winfried Reinhardt

Bar jeder Vernunft Berlin - Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten. Volumen 9

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Jetzt ist es endlich da: Volumen 9 der jahrelangen Erfolgsreihe von Thomas Pigor und seinem Klavierknecht Benedikt Eichhorn. Musik-Kabarett auf gewohnt hohem Niveau – wenngleich dieser neue Abend nicht ganz der erwartete Geniestreich ist.

Wer Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn kontinuierlich verfolgt, fand in diesem neuen Programm nur zwei wirklich neue Lieder, aber das will nichts heißen – schließlich bringt Pigor Monat für Monat ein neues Chanson heraus, und das neue Programm ist eine Zusammenstellung einiger der mehr oder weniger aktuellen Lieder.

Das eine oder andere gab es auch sogar schon live in der Bar jeder Vernunft, etwa das Lied über das Urheberrecht bei den Theaterstücken von Bertolt Brecht oder die religionskritische Hymne "Gott ist tot".

Auch das Kabarett gehört zu Deutschland

Thematisch ist es auch diesmal ein bunter Rundumschlag. Das reicht von eher harmlosen Liedern über den Trend, vorwiegend in Berlin-Mitte beobachtet, dass die dortigen Hipster sich zunehmend einen Vollbart stehen lassen und man irgendwie nicht weiß, was Bart und was einfach nur unrasiert ist.

Aber es wird auch ernsthaft politisch, wenn Thomas Pigor in einem Lied über nationale Zugehörigkeit die kritische Frage stellt, warum auf der Demonstration nach den Anschlägen in Paris die französische Flagge und nicht besser die europäische gezeigt wurde, also statt europäischer Verbundenheit eher nationale Abschottung demonstriert wurde.

Nicht weniger kritisch geht er mit religiösem Fanatismus um, wenn er komplett in schwarz verschleiert einen "Burka Boogie Woogie" singt. Dafür, dass er die Burka als "Oriental Style" veräppelt, gibt es sogar einen Buhruf auf dem Publikum. Aber das ist Kalkulation, denn gewissermaßen als Erläuterung fällt der schöne Satz "Auch das Kabarett gehört zu Deutschland". Eine klare Botschaft in Richtung des türkischen Präsidenten.

Zwischen Hard Rock, Wiener Walzer und Zarah Leander

Für das, was Pigor und Eichhorn musikalisch gestalten, haben sie den Begriff "Salon HipHop" erfunden. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter auch diesmal der gewohnte Mix aus unterschiedlichsten Stilen, die sie parodieren.

Das Lied über Brecht klingt tatsächlich wie eines der Brecht-Lieder aus den 20er-Jahren von Hanns Eisler oder Kurt Weill. Ein anderen Lied über Promis, die ihre Bildungsferne im Fernsehen als cool verkaufen, kommt als wütende Hard Rock-Nummer daher, ein sinnfreies Lied über die Feststellung, dass auch Tiere Fehler machen, ist eine gefühlige Pop-Ballade, und in einer der Zugaben – der Klassiker "Müdigkeit" – singt Pigor in einer Mischung aus Zarah Leander und Max Raabe. Das Beste an diesem Abend sind diese gut sitzenden Stilparodien; musikalisch ist es gewohnt stark.

Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten. Volumen 9 © Thomas Nitz
© Thomas Nitz | Bild: Thomas Nitz

Selbstbespiegelung des Kabaretts

Auch diesmal muss sich der Klaviersklave" Benedikt Eichhorn unfreundliche Kommentare von Pigor anhören. Gewohnt fies ist "Er spielt viel besser als früher." Das tritt aber fast ein bisschen zurück, wenn beide immer wieder Werbeblöcke einbauen. Das ist mal ein Tipp auf einen Auftritt des Kabarettisten Matthias Egersdörfer, dessen Rolle als fränkischen Choleriker Pigor gekonnt parodiert, aber auch Werbung für Klavierunterricht, die in Richtung von Rainald Grebe, Sebastian Krämer und Bodo Wartke geht.

Eigentlich sehr amüsant – nur: Wer die alle nicht kennt, versteht die Pointen nicht. Ein Problem des Abends: Es gibt sehr viele Insider-Gags – nichts für Pigor-Neulinge also. Auch dass beide ihre Choreographie aus der Tipi-Produktion von "Frau Luna", wo sie mitgespielt haben, nachtanzen, ist nur dann witzig, wenn man das gesehen hat. Zu viel Selbstbespiegelung leider.

Unterhaltsam, aber kein Geniestreich

Sicher, auch diesmal gibt es wieder haarsträubend komische Texte, etwa zum Postfaktischen, wenn es heißt: "Jetzt überrascht uns der Trump mit seiner These / Hinter der Erderwärmung stecke der Chinese." Das ist gewohnt böse, aber insgesamt kann die Dramaturgie des Abends nicht vollständig überzeugen. Auch die neuen Lieder sind nicht schlecht, aber keines davon hat das Hitpotentzial von "Heidegger", "The language of Shakespeare" oder "Hausschweine" (das immerhin gibt es als Zugabe, und sofort ist Hochstimmung im Publikum).

Sicher: Das ist Meckern auf hohem Niveau. Aber Pigor und Eichhorn haben selbst die Messlatte inzwischen fast unerreichbar hoch gelegt. Volumen 9 ist ein unterhaltsamer Abend mit Höhepunkten, aber kein Geniestreich.

Andreas Göbel, kulturradio

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