Daina Ashbee: Unrelated © Daina Ashbee
© Daina Ashbee | Bild: Daina Ashbee

Potsdamer Tanztage 2017 - Kanada-Fokus

Bewertung:

Die kanadische Tanzszene ist groß, vielfältig mit international erfolgreichen Stars und einem sehr starken Nachwuchs. In den letzten 20 Jahren waren immer wieder kanadische Tanzkünstler zu Gast in Potsdam – diesmal stehen sie im Fokus.

Als ein dunkles und bedrückendes Duett war die Gastspiel-Premiere der jungen kanadischen Choreographin Daina Ashbee gestern Abend bei den Potsdamer Tanztagen angekündigt worden, als Auseinandersetzung mit der Tragödie der indigenen Frauen Kanadas. Ein Gastspiel im Rahmen des Kanada-Schwerpunktes bei den Potsdamer Tanztagen, die an diesem Wochenende zu Ende gehen. "Unrelated" heißt das in Kanada preisgekrönte Stück von Daina Ashbee.

Hintergrund: die Tragödie indigener Frauen in Kanada

Eine Choreographie, die an ein bedrückendes Kapitel der kanadischen Geschichte anknüpft. Seit 1980 sind mehr als 1.000 indigene Frauen und Mädchen ermordet worden, mehrere Hundert werden vermisst, es werden jedoch deutlich mehr Opfer befürchtet. Die Frauen der indigenen Bevölkerungsgruppen, zu denen auch Daina Ashbee gehört, sind nach Berichten von Amnesty International überdurchschnittlich oft Opfer von Gewalttaten. Diskriminierung und Rassismus werden als Ursachen gesehen, unzureichende Bildung, Armut, Obdachlosigkeit, Prostitution, Drogenmissbrauch, mangelnde Unterstützung durch die Behörden kennzeichnen die Lage. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau hat einen Untersuchungsausschuss eingesetzt, erste Ergebnisse werden im November erwartet.

Daina Ashbee: Unrelated © Daina Ashbee
© Daina Ashbee

Daina Ashbee: "Unrelated"

Dieses Thema setzt Daina Ashbee mit einfachen szenischen Mitteln um, in sehr reduzierter und extrem verlangsamter Körper-Bilder-Sprache, in einer Performance mit zwei überwiegend nackten jungen Frauen, die Opfer darstellen, fremdbestimmt, Zwangssystemen ausgeliefert, zur Verfügbarkeit verdammt. Sie wälzen sich über den Boden, werfen sich gegen die Rückwand der Bühne, schleudern hin und her, deuten Faustschläge ins Gesicht an und Kopulations-Akte, nach denen sie zusammengekauert, wimmernd am Boden liegen oder sich an der Wand krümmen.

Daina Ashbee, erst Mitte 20, geht provokativ und furchtlos das Risiko der Opfer-Identifizierung ein und setzt das sehr karge Arrangement, die extreme Entschleunigung, die schlichten Mittel, die Stille, nur selten ist ein Elektro-Bass-Wummern zu hören, gezielt ein, um Emotionalisierung zu erreichen, etwa wenn beide Frauen ins Publikum gehen und einzelne Zuschauer stumm bitten, ihre Hand zu halten, vielleicht auf der Suche nach Anteilnahme oder Trost.

Das gewagte Konzept geht trotz der Offensichtlichkeit und Vordergründigkeit auf, das Stück wirkt beklemmend durch die Intimität, die beide Performerinnen erzwingen, durch ihre Verletzlichkeit und ihre emotionslosen, wie betäubt wirkenden Gesichter – ein wichtiges Stück zu einem brisanten Thema.

Marie Chouinard: Hieronymus Bosch – Garten der Lüste © Sylvie-Ann Paré
© Sylvie-Ann Paré | Bild: Sylvie-Ann Paré

Kanada-Fokus bei den Potsdamer Tanztagen

Die kanadische Tanzszene ist groß und vielfältig, mit international erfolgreichen Stars und Compagnien und einem gerade aktuell sehr starken Nachwuchs. In den letzten 20 Jahren waren immer wieder kanadische Tanzkünstler zu Gast in Potsdam – dank der Unterstützung etwa der kanadischen Botschaft und des Arts Council und dank der kontinuierlichen Nähe der fabrik Potsdam zur Tanzszene in Kanada. Der Länder-Fokus des Festivals war insgesamt ein voller Erfolg, auch weil die Bandbreite der kanadischen Tanzkunst erkennbar war. Die Eröffnung mit der Hieronymus-Bosch-Choreographie der berühmten Marie Chouinard, hat zwar nicht völlig überzeugt, sie nach Potsdam geholt zu haben, war jedoch ein Bravourstück.

Victor Quijada: Vic's Mix - 15 Years of Rubberbandance GROUP © Bill Hebert
© Bill Hebert

Rubberbandance Group: "VIC’s Mix"

Daina Ashbee kann man als Entdeckung verstehen, wie auch das Gastspiel der Rubberbandance-Group mit ihrem furiosen "VIC’s Mix"-Stück, einer fulminanten Best-Of-Show mit Auszügen aus 12 Choreographien seit der Gründung der Compagnie 2002 – ein Abriss der erstaunlichen Entwicklung von den frühen Stücken bis heute.

Der Compagnie-Gründer Victor Quijada, mexikanischer Herkunft und in Los Angeles, v.a. in der Hip-Hop-Szene aufgewachsen, in Kanada ausgebildet und ansässig, hat mit seinen grandiosen, perfekt im eigenen Tanzstil ausgebildeten Tänzern gezeigt, dass er unter allen Choreographen, die eine Verbindung suchen zwischen Hip-Hop, Breakdance, Streetdance und dem Zeitgenössischen Tanz am weitesten vorgedrungen ist. Er hat einen dynamischen, akrobatisch-athletischen Hybrid-Tanzstil entwickelt, im Hip-Hop verwurzelt, aber weit darüber hinausreichend. Ein Best-Of-Abend als mitreißende Show.

Frederic Gravel: This Duet that we’ve already done (so many times) © Nans Bortuzzo
© Nans Bortuzzo | Bild: Nans Bortuzzo

Frederic Gravel "This Duet that we’ve already done (so many times)"

In deutlicher Erinnerung bleiben, wird einmal mehr die Choreographie von Frederic Gravel, sein packend-irritierendes Duo für ein völlig zerrüttetes Paar, das vergeblich um Gemeinsamkeit kämpft, dessen überwältigend eindringliche Duo-Szenen zu melancholisch-deftiger Punk-Rock-Musik nach Ringkampf aussehen, nach einem verzweifelten Ineinander-Stürzen und Aneinander-Klammern. Wobei die Paar-Probleme eindeutig beim Mann liegen, getanzt von Gravel selbst –von Komplexen und Selbstunsicherheit geplagt, zutiefst verunsichert, steifgliedrig staksend und unbeholfen. Nicht umsonst singt Gravel am Ende: "Run away from me, Darling", "Lauf weg so schnell du kannst".

Wie schon vor einigen Jahren hat Frederic Gravel das aufrichtigste und schmerzensreichste Stück in einem diesmal exzellenten Jahrgang der Potsdamer Tanztage gezeigt.

Frank Schmid, kulturradio

Weitere Rezensionen