Marie Chouinard "Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste" © Nicolas Ruel
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Potsdamer Tanztage - Marie Chouinard: "Hieronymus Bosch – Der Garten der Lüste"

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Der Garten Eden, die Hölle, der Garten der Lüste – das berühmte Triptychon von Hieronymus Bosch, mehr als 500 Jahre alt. Ist es möglich, die gewaltigen, rätselhaften Fabel-Bildwelten des Hieronymus Boch in den zeitgenössischen Tanz zu übertragen, die gleichnishaften Bildnisse in Bewegung zu versetzen?

Das war die Frage bei der Eröffnung der Potsdamer Tanztage mit der deutschen Erstaufführung der Choreographie "Garten der Lüste" der kanadischen Choreographin Marie Chouinard, die sich Hieronymus Boschs Triptychon zur Vorlage genommen hat.

Respekt, Verbeugung und Nachahmung

Dabei ist Marie Chouinard mit viel Respekt vorgegangen, sogar mit zu viel Respekt. Ihre Choreographie sei eine Verbeugung vor Hieronymus Bosch hat Chouinard im Vorfeld gesagt, jedoch scheint die große Ehre, dieses Stück zum 500. Todestag von Bosch letztes Jahr als Auftragswerk in den Niederlanden uraufführen zu dürfen, ihre eigene Kreativität gelähmt zu haben.

Chouinard hat einzelne Bildmotive des Triptychons gewählt, diese werden in herangezoomten Nahaufnahmen auf kleine Leinwände neben der Bühne projiziert, so dass man immer den Vergleich hat, zwischen den Bosch-Originalen und dem Nachahmen und Nachstellen der Motive durch die Tänzerinnen und Tänzer, die wie eigentlich immer bei Marie Chouinard fast nackt sind, nur hautfarbene Slips tragen. Die Szenerie ist zumeist wüst und wild, wie auch der Soundtrack aus Elektronischer Musik mit sakralen Elementen und Vogelgezwitscher und Urwaldgeräuschen – Schau- und Hörwerte sind also gegeben.

Marie Chouinard "Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste" © Nicolas Ruel
Marie Chouinard "Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste" © Nicolas Ruel

Das Triptychon in drei Akten

Nun ist das Triptychon "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch ein ungeheuerliches, extrem motivreiches, farbenfrohes, noch immer rätselhaftes Spektakel, das vollständig in die heutige Darstellende Kunst zu übertragen, unmöglich ist. Und so ist Marie Chouinard in drei Akten vorgegangen und hat eine Szenen-Auswahl getroffen. Sie hat aus der mittleren Tafel "Garten der Lüste", die orgiastische Massenszene gewählt, die rechte Tafel, die Darstellung der Hölle, hat sie in eine eigene Interpretation überführt und vom linken Triptychon-Flügel "Garten Eden" hat sie lediglich jene Szene genommen, in der Gott und Adam und Eva zu sehen sind, im Moment nach der Erschaffung aus der Rippe.

Hölle und Garten Eden

Zur Hölle ist ihr überraschenderweise am wenigsten eingefallen, obwohl sie sich hier am weitesten von Bosch entfernt. Hier degradiert sie ihre Tänzer zu Performern, die eher hilflos, dafür aber schreiend und grimassierend durch ein Perfomance-Happening staksen, das sehr nach 80er Jahren aussieht. Dieser Spektakel-Parcours in einer mit Gerätschaften wie aus einer Theater-Werkstatt vollgestopften Bühne wäre gern obszön, böse und höllisch verzweifelt, ist aber unfreiwillig niedlich und rutscht in eine Materialschlacht-Revue ab, ein Freakshow-Varieté.

In der Garten-Eden-Szene vertauscht sie lediglich die Geschlechte. Gott und Adam werden von Frauen dargestellt, Eva von einem Mann, wobei dieser Geschlechterwechsel noch in etlichen statuarischen Trioversionen durchgespielt wird. Dieser 3. Akt ist der ruhigste, in großer Langsamkeit hat Marie Chouinard hier ein nett anzuschauendes, aber im Kern leeres Gleichnis auf die Bühne gebracht. Über den Geschlechtertausch hinaus findet sie zu keiner eigenen Sinn- oder Bedeutungswelt, zu keinem Kommentar oder einer Kritik oder einer Weiterführung ins Heute, was für die gesamte Choreographie gilt, die sich im Nachstellen der Motive und deren abgewandeltem Weiterführen erschöpft.

Garten der Lüste

Auch den "Garten der Lüste" hat Marie Chouinard als ein Kopieren in Szene gesetzt. Die Tänzer nehmen exakt die Positionen der Hieronymus-Bosch-Figuren ein: das laszive Liegen, das Aneinanderschmiegen, das Mit-Sich-Selbst- und Miteinander-Spielen, das Spielen mit Vögeln, Früchten, Blumen, diesen Reigen nackter Leiber. Dann versetzt Chouinard die Abbilder, ihre Tänzer, in Bewegung, wobei sie nur das fortzuführen scheinen, was Hieronymus Bosch als einen Bewegungsmoment festgehalten hat.

Hier überführt Chouinard immerhin in Ansätzen die Bewegungen aus der Bosch-Kopie in ihren eigenen Tanzstil. Das allerdings in enttäuschender Qualität. Immerhin kann man diesen Akt als eine Art Schule des Sehens bezeichnen, denn Chouinard stellt mit äußerster Genauigkeit die Haltungen und Konstellationen der Bosch-Figuren nach und versucht zumindest eine Atmosphäre des lustvoll-wollüstigen Genießens nachzubilden.

Marie Chouinard "Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste" © Nicolas Ruel
Marie Chouinard "Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste" © Nicolas Ruel

Ein Coup für die Tanztage

Es ist ein großer Coup für die Potsdamer Tanztage, das Festival mit einer großen Choreographie von Marie Chouinard eröffnen zu können. Sie ist mit Anfang 60 jetzt die bedeutendste Choreographin Kanadas, weltweit gefragt, hat sich von den frühen deftigen Provokationen der 70er und 80er Jahre zu einer herausragenden, absolut eigenständigen Choreographin und Bewegungserfinderin entwickelt. Das hat sie auch schon mehrfach beim Berliner Tanz im August gezeigt, erst vor zwei Jahren zum Beispiel mit zwei brillanten Choreographien, in denen auch schon Bildende Kunst, vor allem die Malerei, Ausgangspunkt für ihre exzentrische, archaisch-animalische, für ihre bizarre und groteske Tanzsprache war.

Zu dieser äußerst ungewöhnlichen Stilistik, zu ihrer phantastisch sonderbaren Körperarchitektur, zur verletzlichen Schönheit der Körper, zu ihren tänzerischen Mysterien, formal ebenso präzise wie überwältigend verwirrend gearbeitet, ist sie bei ihrem Hieronymus-Bosch-Abend nicht vorgedrungen.

Frank Schmid, kulturradio

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