"89/90": v.l.n.r.: Daniel Barke, Tilo Krügel, Annett Sawallisch, Denis Petković, Andreas Dyszewski, Anna Keil, Bettina Schmidt (Projektion); © Rolf Arnold
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Theatertreffen 2017 - Schauspiel Leipzig: "89/90"

Bewertung:

Bauer inszeniert hoch professionell, handwerklich ist der Abend fast perfekt. Allein der innere Zusammenhang der Szenen fehlt.

Von den zehn bemerkenswertesten Inszenierungen, die in diesem Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen sind, stammt nur eine von einer Frau – von der Regisseurin Claudia Bauer. Das ist aber bestimmt kein Indiz für einen männlichen Blick der Jury – die ist seit neustem nämlich mehrheitlich weiblich besetzt.

Emotionale Distanz

Claudia Bauer ist zum ersten Mal bei der Besten-Show dabei: Die ehemalige West-Punkerin hat den Wenderoman "89/90" des ehemaligen Ost-Punks Peter Richter für die Bühne adaptiert. Die gebürtige Bayerin inszeniert schon seit langem nicht nur im Westen, sondern auch im Osten Deutschlands. Sie hat fünf Jahre lang  das Theaterhaus in Jena geleitet, hat in Chemnitz und Halle gearbeitet und ist jetzt seit mehreren Jahren Hausregisseurin in Leipzig. Es war also alles andere als abwegig, sie mit dem Romanstoff zu betrauen. Bei aller Ost-Kenntnis inszeniert die Regisseurin nicht mit einem nostalgischen oder –  umgekehrt – hasserfüllten DDR-Innenblick, sondern mit einer gewissen emotionalen Distanz.

"89/90": v.l.n.r.: Tilo Krügel, Annett Sawallisch, Andreas Dyszewski, Denis Petković, Anna Keil, Wenzel Banneyer (Projektion); © Rolf Arnold
v.l.n.r.: Tilo Krügel, Annett Sawallisch, Andreas Dyszewski, Denis Petković, Anna Keil, Wenzel Banneyer (Projektion); © Rolf Arnold | Bild: Theatertreffen/Rolf Arnold

Zeitgeschichte im Leben eines Pubertierenden

Nostalgie ist auch Peter Richters Roman fremd – das Buch hat einen eher lakonischen, selbstironischen Ton. Es ist, bei allem Gewicht der Weltgeschichte, die sich darin abzeichnet, auch eine lustige, pointenreiche Erzählung – die Lebensgeschichte von Peter Richter selbst. 1989 war er 16 Jahre alt und in der Rückschau führt er jetzt durch das letzte Jahr der DDR. Zuerst erzählt er von den typischen Stationen: verbotene Nächte im Freibad, Anarcho-Musik, Mädchen, Alkohol. Immer mehr schleicht sich dann aber die Zeitgeschichte ins Leben der Pubertierenden.

Vor und nach dem Fall der Mauer

Dann stehen die letzten chaotischen Monate, bevor das DDR-System zusammenbricht, im Zentrum, die letzten Unterrichtsstunden in Staatsbürgerkunde, die immer skurriler werdenden FDJ-Versammlungen, die Erfahrungen im Wehrlager. Bis die Mauer fällt und sich die jahrelang unterdrückte Unzufriedenheit explosiv entlädt, vor allem unter den Jüngeren: Das ganze Land ist von der schlagartigen Freiheit überfordert, ist nicht demokratieerprobt, orientierungslos. Als Folge radikalisieren sich die Jugendlichen – ob nach Rechts und nach Links, ist dabei ziemlich austauschbar.

Szenensplitter

Der Roman kommt ohne große Handlungs- oder Spannungsbögen aus, Richter erzählt bewusst fragmentarisch, in detailreichen Skizzen. Für die Lektüre ist das kein Manko – man taucht schnell ein in das Erleben dieses Ich-Erzählers, er bleibt der emotionale Anker, auch wenn man seine vielen Bekannten oft nicht auseinanderhalten kann in diesem Strom von Notizen. Für die Bühne ist das aber durchaus ein Problem, das merkt man im Lauf der dreistündigen Inszenierung: Claudia Bauer lässt den Erzähler und seinen besten Kumpel über der Bühne in einer Art Radio-Studio von früher reden – es bleibt bei der Wiedergabe einzelner Szenensplitter, die Figuren werden nicht plastisch, nicht dramatisiert, sie bleiben ungreifbar.

"Bemerkenswerte" Ästhetik

"Bemerkenswert" an dieser Inszenierung ist hauptsächlich die ästhetische Form. Auf der Bühne, also unterhalb des Radio-Studios, ist einiges los. Da tritt ein großartiger Chor auf, mit 25 jungen Sängern und dem fabelhaften Dirigenten Daniel Barke. Mit einem präzisen, hochrhythmisierten Sprechgesang geben sie dem Abend sein eigentliches Zentrum. Peer Baierlein ist der Komponist und musikalische Leiter, der für den Chor alte Punkhymnen aus dem Osten auf Heimatmelodien umkomponiert hat. Da singt der Chor dann mit schönsten Sopranstimmen "Wir sind die Kinder der Maschinenrepublik" oder "Fressen Ficken Fernsehen".

"89/90": v.l.n.r.: Annett Sawallisch, Andreas Dyszewski, Anna Keil, Denis Petković, Tilo Krügel, Wenzel Banneyer (Projektion); © Rolf Arnold
v.l.n.r.: Annett Sawallisch, Andreas Dyszewski, Anna Keil, Denis Petković, Tilo Krügel, Wenzel Banneyer (Projektion); © Rolf Arnold

Tolle Schauspieler

Auch die acht Schauspieler sind toll – sie spielen mit, im und zwischen dem Chor, manchmal als einzelne Figuren aus dem Roman, manchmal auch als stumpfes Kollektiv, kostümiert mit den Pinocchio-Puppen-Köpfen, die man aus früheren Arbeiten von Bauer kennt. Stark sind die Szenen, in denen eine Lehrerin sozialistische Leitsätze vorspricht und mit Gesten untermalt. Die Spieler imitieren immer mehr dieser Gesten, bis eine Choreografie entsteht – eine Schule der Gefolgschaft. Die Begabung von Bauer liegt mehr im Choreografieren als im Dramatisieren; gerade das Übertragen der Sprache in Musik und Bewegung gelingt ihr sehr gut.

Sehenswert

Bauer inszeniert hoch professionell, handwerklich ist der Abend fast perfekt. Und es ist ja durchaus ungewöhnlich und ehrenwert, sich heute überhaupt mit jüngerer deutscher Geschichte zu beschäftigen – Stücke über die DDR sind auf der Bühne derzeit nicht besonders angesagt. Allein der innere Zusammenhang der Szenen fehlt – oft weiß man nicht: Wer erzählt hier was genau über wen? Die vielen DDR-Zitate machen es noch dazu zu einem Abend, der wohl nur im Osten funktioniert. Schon im Westberliner Festspielhaus hat man mitunter Ratlosigkeit beim Publikum gespürt. Aber ob nun Ost oder West: Allein schon wegen des beeindruckenden Chors ist es eine sehenswerte Inszenierung.

Barbara Behrendt, kulturradio

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