Army of Lovefuckers: "We will kill you with a fucking piece of performance art"; © Suna Blum | Andreas Martinin
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Sophiensaele Berlin - Army of Lovefuckers: "We will kill you with a fucking piece of performance art"

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Seit einigen Jahren präsentiert unter dem gewöhnungsbedürftigen Titel "Lovefuckers" eine Performancetruppe eine Mischung aus Puppenspiel und politischem Theater. Ihr aktueller Abend "Army of Lovefuckers" vereinigt in gewohnter Manier Ernst und Unterhaltung.

Wer bei Puppenspiel an Kindertheater à la Kasperle und das Krokodil denkt, ist hier falsch. Lovefuckers beschätigen sich mit den Problemen dieser Welt, mit Krieg, sozialer Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Das allerdings tun sie aus ihrem spielerischen Blickwinkel. Selbst sprechen sie davon, "dem ganzen Dreck ein bisschen Glanz zu verleihen".

Der Mensch im militärischen Ausbildungscamp

Eine "Army of Lovefuckers" soll rekrutiert werden für den Aufstand, die Revolution, für den Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse. Gleich am Beginn erzählt eine Stimme aus dem Off, man wolle kein Opfer mehr sein. Da heißt es: "Wir wollen nicht, dass Feminismus eine historische Anomalie bleibt." oder "Wir wollen unser Auto zur Reparatur bringen, ohne wie Idioten behandelt zu werden." Globale Diskriminierung, aber auch Diskriminierung im Alltag, dagegen soll es gehen.

Der erste Teil spielt in einem militärischen Ausbildungscamp. Die Performerin muss einen Fitness-Test durchlaufen: Laufen, Boxen, Liegestütz, Kopf unter Wasser, aber auch Kampftechniken lernen. Nach ihren Vorbildern befragt, nennt sie u. a. die Filmfigur Foxy Brown, die ihren Vergewaltiger kastriert, oder das kanadische Ex-Model Hana Bohman, die an der Seite der Kurden gegen den IS kämpft.

Die Puppe als idealer Krieger

Plötzlich erscheint auf einem durchsichtigen Vorhang eine Puppe, eine Mischung aus Schaf, Ratte und Kampfhund. Aus einem Sandsack holt die Performerin die entsprechenden Teile hervor und passt sie sich an, vollführt mit dem gleichermaßen putzigen wie hässlichen Biest, das sich auch noch in ihrem Gesicht verbeißt, einen Ringkampf.

Dabei hat die Puppe konkrete Vorstellungen: Mensch und Puppe müssen sich für den Kampf vereinigen. Und sie stellt – wie am Beginn die menschliche Stimme – ebenfalls Forderungen, etwa zur Reparatur kommen zu dürfen, ohne wie ein Idiot behandelt zu werden. Das Ganze endet mit einem Film, wo vier Puppenspieler mit ihren Figuren durch die Stadt ziehen – eine Art Imagewerbefilm für die Army of Lovefuckers. Das ist ja auch erklärter Sinn der Sache: Der Programmzettel enthält einen Antrag auf Mitgliedschaft, den man ausfüllen und hinmailen soll.

Ernster Abend mit spielerischen Mitteln

Wie ernst und witzig ist das alles gemeint? Das fragt man sich so manche Szene. Sicher, es werden zahllose politische Themen angesprochen: Kriegführung, die Abrichtung von Menschen zu seelenlosen Mordmaschinen, der Aufstand gegen soziale Unterdrückung, aber auch der Kapitalismus: Puppen wollen keine Marionetten der Großkonzerne sein. Oder ernsthafter: "Ein Individuum kann man einsperren und töten, aber keine Idee." So relevant das alles ist, so wenig kann es in den kurzen 50 Minuten, die dieser Abend nur dauert, vertieft werden.

Aber das scheint auch gar nicht die Absicht zu sein. Das ist ein unterhaltsamer Abend zwischen Theater, Tanz, Performance und Puppenspiel, politisches Theater ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit bewusst einkalkulierter Ambivalenz. Offensichtlich will man der brutalen Welt Ironie und Spiel entgegen setzen und damit auch gegen die lähmende Angst angehen, die die Terroristen mit ihren Anschlägen und ihrem Krieg verursachen wollen. Ein mit spielerischen Mitteln sehr ernster Abend.

Großartige Performance

Getragen wird das Stück von der einzigen Darstellerin. Annemie Twardawa kann wirklich alles. Das reicht von körperlicher Fitness bis zur Verausgabung, Pantomime-Elementen, schauspierlischem Witz, klarer sprecherischer Diktion – und einer unglaublichen Körperbeherrschung.

Die schönste Szene ist die Mutation vom Menschen in eine zunächst Ganzkörperpuppe, aus der dann der Puppenkopf geradezu herauszuwachsen scheint. Annemie Twardawa hat eine beeindruckende Bühnenpräsenz, die begeistert.

Andreas Göbel, kulturradio

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