Staatstheater Cottbus "Turandot" © Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - Giacomo Puccini: "Turandot"

Bewertung:

Das große Verdienst des Regisseurs Martin Schülers ist, den satirischen Geist Carlo Gozzis hier endlich einmal wieder herausgearbeitet zu haben.

Puccinis "Turandot" gehört nicht nur zu den populärsten Opern des 20. Jahrhunderts, sondern auch den anspruchsvollsten, was ihre Umsetzung angeht. Am Sonntag hatte Puccinis letztes Werk am Cottbusser Staatstheater Premiere.

Abenteuerlicher Stilmix

Das ist schon ein abenteuerlicher Stilmix, den Puccini uns da serviert. Turandot wurde in den frühen 1920ern komponiert von einem Musiker, der seine große Zeit um 1900 hatte, und der jetzt noch mal alles gab und natürlich auch up to date sein wollte. Man kann neben gewohntem Puccini-Sound auch Debyssy, Richard Strauss und einen Hauch Leharsche Operette durchhören. Hinzu kommt, dass es ein China-Märchen ist, es gibt also auch jede Menge fernöstliche Gesten in der Musik. Der Chor hat gewaltige Aufgaben, die Sänger müssen gegen ein gigantisches Orchester ankämpfen, und das Orchester selbst chargiert zwischen echter Moderne, erlesenem Opernkitsch und einer Konvention, die mitunter so tut, als wäre sie keine. Das alles elegant zu bündeln und zu schlüssig zu präsentieren ist eine echte Herausforderung für jedes Haus.

Martin Shalita (Calaf) und Damen des Opernchores © Marlies Kross
Staatstheater Cottbus "Turandot" © Marlies Kross

Falsches China

Was viele Häuser dabei aus den Augen verlieren: Dieses China ist noch künstlicher als das girrende Pseudo-Japan der Butterfly. Denn die Geschichte von einer frigiden Prinzessin, die sich ihre Freier vom Hals schafft, indem sie ihnen drei fast unlösbare Rätsel stellt und im Falle des Versagens hinrichten lässt - das ist ein  bissiger uralter Spaß des venezianischen Dramatikers Carlo Gozzi. Das große Verdienst des Regisseurs Martin Schülers war, den satirischen Geist Gozzis hier endlich einmal wieder herausgearbeitet zu haben. Er inszeniert das Ganze als eine Mischung aus Offenbachiade und Lubitsch-Swewball.

Das schlägt sich auch im Bühnenbild nieder, im bonbonfarbenem Konditor-China à la "Land des Lächelns", gemischt mit Neuer Sachlichkeit und einem Schuss Horrorfilmästhetik der 30er Jahre. Und Schülers Geschichte der Turandot nimmt denn auch einen eher offenbachschen Verlauf: Hier wird endlich mal erklärt, wie der Prinz denn nun eigentlich auf die Rätsellösungen kommt, an der alle anderen gescheitert sind. Das ganze ist nämlich ein Staatsstreich; der Hof ist der arroganten Prinzessin so überdrüssig, dass die Minister dem Prinzen die Antworten auf die Rätsel einfach zeigen – was auch dazu führt, dass dieser Cottbusser Prinz einfach nur fies und machthungrig ist und kein bisschen sympathisch.

Macht nichts, der Twist, den sich Schüler fürs Ende aufgehoben hat, macht diese Personenzeichnung plausibel. Und überhaupt, wer mag schon Kalaf, diesen manischen Spinner, der – das Publikum seit 90 Jahren wünscht sich's heimlich – doch die Olle stehenlassen und seine süße Sklavin Lui heiraten sollte. (Schülers Lösung ist noch besser.)

Soojin Moon (Turandot) und Martin Shalita (Calaf) © Marlies Kross
Staatstheater Cottbus "Turandot" © Marlies Kross | Bild: © Marlies Kross

Unsentimentale Moderne im Orchestergraben

Wenn man einen Dirigenten wie Evan Christ hat, kann man in dieser filmischen Breitwandmusik den visionären Puccini hören, der anderswo zu oft in samtigem Klingklong-Spektakel versäuft. Diese Cottbusser "Turandot" erinnert in den besten Momenten durchaus schon an Weill. (Und in der Rätselszene sogar an Hindemith.) Sicher kommt Christ und seiner famosen Cottbusser Philharmonie hier deren Faible für Neue Musik sehr zustatten. Was die orchestrale Seite angeht, war der Abend eine große Erfahrung: wirklich mal Musik des 20. Jahrhunderts, schillernd, lockend und doch immer etwas widerborstig.

Solide Sängerleistung

Ein solider Abend auch auf der Bühne, und das will für eine "Turandot" außerhalb von MET, Scala und Callas-CD schon viel heißen. Atemberaubend war es nicht. Aber abemberaubend ist das Werk im Jahrhundert auch nur drei, vier mal zu hören. Der amerikanische Gasttenor Martin Shalita als Calaf war technisch durchaus beeindruckend, die Spitzentöne alle bemerkenswert sicher und kraftvoll - mir fehlte allerdings der Sexappeal in der Stimme. Allerdings war das Werk ja so inszeniert, dass die Kälte des schönen Gesangs hier durchaus nicht störte.

Soojin Moon als Turandot – eine südkoreanische Schönheit. Macht sich natürlich gut als orientalische Prinzessin – optisch wenigstens. Akustisch war sie trotz gänsehauterzeugender kehliger Tiefst-Töne in den Höhen doch zuweilen unangenehm grell. Ich weiß, ich weiß. Es ist schwer, unendlich schwer, in dieser Rolle nicht grell zu sein. Ein leichtes Missbehagen bleibt dennoch.

Heldin des Abends: Debra Stanley als Skalvin Lui, die einzige wirklich sympathische Figur des Stücks. Ein Vergnügen zu sehen (und zu hören), mit wie viel Leidenschaft und auch stimmlicher Klugheit sie diese Rolle ausgefüllt hat.

Die kleinen Rollen – wie fast immer in Cottbus – waren fast alle perfekt besetzt, der Chor (eine Hauptperson) nicht immer ganz astrein, aber voller Elan und Spielfreude, und eigentlich kommt ja jetzt immer der Schlussschlenker von der alles in allem runden und gelungenen Aufführung, wären da nicht die Minister Ping, Pang und Pong. Denen soll das letzte Wort gelten. Sie haben mich wirklich und wahrhaftig davon überzeugt, dass "Turandot" eigentlich doch eine verkappte Offenbachiade ist – zumindest für einen Abend lang. Kompliment an Heiko Walter, Hardy Brachmann und Dirk Kleinke.

Matthias Käther, kulturradio

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