Staatstheater Mainz: Traurige Zauberer mit Denis Larisch; © Andreas Etter
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Theatertreffen 2017 - Staatstheater Mainz: "Traurige Zauberer"

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Der Schweizer Regisseur Thom Luz ist 35 – und trotzdem kein Neuling mehr beim Berliner Theatertreffen.

Vor zwei Jahren war er bereits mit "Atlas der abgelegenen Inseln" vom Schauspiel Hannover zum Festival eingeladen. Diesmal ist er mit der Produktion "Traurige Zauberer" vom Staatstheater Mainz zu Gast – obwohl auch seine Max-Frisch-Adaption "Der Mensch erscheint im Holozän" mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle am Deutschen Theater in Berlin ein Theatertreffen-Kandidat hätte werden können.

Unter den jungen Regisseuren ist Thom Luz ein Solitär. Er hat einen ausgeprägten Sinn für poetisches, musikalisches und herrlich versponnenes Theater. Weder erzählt er eine stringente Geschichte, noch stellt er die Moral auf den Prüfstand. Sein Theater will nicht politisch sein, es entwirft lieber flirrende Stimmungen, schwebende Zustände, surreale Situationen.

Bei den "Traurigen Zauberern" erlebt man die Ausgrabung einer abseitigen Historie – große Zauberer des 20. Jahrhunderts werden hier vorgestellt, so vor allem der Amerikaner Nicola und sein Schüler, die anscheinend 1939 gemeinsam bei einem Schiffsunglück ums Leben kamen. Aber auf die geschichtlichen Details kommt es letztlich nicht an – ausschlaggebend ist die Stimmung, die Musikalität, die Atmosphäre im Raum.

Staatstheater Mainz: Traurige Zauberer mit Graham F. Valentine; © Andreas Etter
Graham F. Valentine; © Andreas Etter

Verschrobener Obermagier

Das Publikum sitzt auf der Hinterbühne, schaut auf die große Bühne und in den leeren Zuschauerraum. Der Bühnenraum ist schwarz und fast leer, die sechs Schauspieler und Musiker stehen ziemlich verloren herum und proben mit großem Ernst ihre kleinen Zaubertricks. Am auffälligsten ist Graham F. Valentine als wunderbar verschrobener Obermagier mit knallorangener Albert-Einstein-Zausel-Frisur, der ein paar englische Satz-Brocken herausschnarrt.

Ein anderer Schauspieler ist der Nebel-Zauberer, der ganze Umzugskisten mit weißem Dampf füllen kann und riesige Rauchkringel über die Bühne fliegen lässt. Eine Schauspielerin fungiert als Erzählerin und Kostümassistentin, eine andere führt eine imaginäre Besuchergruppe durchs Haus.

Ratlose Zuschauer

Im Zuschauerraum stehen nostalgische Tonbandgeräte, von denen lauter "Ahs" und "Ohs" und schepperndes Gelächter schallen. Am wichtigsten aber ist die Musik: An mehreren Klavieren spielen zwei Musiker Fragmente von Charles Ives und französische Chansons. Am Bühnenrand stehen Schminktische mit Spiegeln und Glühbirnen, hier soll mit Licht- und Spiegeleffekten ein magisches Flirren im Raum erzeugt werden.

Dieses "magische Flirren" hat sich beim Berliner Gastspiel allerdings kaum auf die Zuschauer übertragen. Es gab viele ratlose, eher gelangweilte Zuschauer, die mit dem Abend offenbar wenig anfangen konnten. Vermutlich war ihnen das alles zu gefühlig und sinnwidrig.

Der "fröhliche Zauber", der dem Abend von der Jury nachgesagt wird, wollte sich im Festspielhaus jedenfalls nicht recht einstellen – ein häufiges Problem bei einer Arbeit dieser Art, die so sensibel auf Raumverhältnisse reagiert und die so sehr auf Atmosphäre, auf Poesie angelegt ist. Solche Aufführungen können bei der Verpflanzung auf eine andere Bühne leicht Schaden nehmen – und eben das ist wohl in Berlin passiert.

Ein Außenseiter

Trotzdem ist es nur richtig, dass diese Spielart von Theater beim Theatertreffen vertreten ist. Auch, wenn es im Berliner Festspielhaus nicht ganz aufgegangen ist, geht es dem Regisseur um große, wichtige Fragen: um Spiel und Realität, um Erinnerung und Vergänglichkeit. Und vor allem: um das Unerklärbare schlechthin.

Thom Luz schließt mit seinen Arbeiten an eine jetzt schon ältere Schweizer Regie-Generation an, an Regisseure wie Christoph Marthaler und Ruedi Häusermann. Auch sie entwerfen surreale Zwischenreiche, Traumwelten, in denen alle eindeutigen Konturen verschwinden. Aber in seiner Generation ist Thom Luz heute eher ein Außenseiter. Angesagt ist auf der Bühne momentan das politische Statement, das Theater der Aktivisten, die Intervention.

Von all dem ist dieser Regisseur meilenweit entfernt. Er zeigt dagegen, dass auch die Poesie und die Fantasie zu unserer Lebenswirklichkeit gehören – und es manchmal nicht so einfach ist, sich auf das vordergründig sinnfreie und doch so hintersinnige Spiel einzulassen.

Barbara Behrendt, kulturradio

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