JACKQuartet; © WDR/Shervin Lainez
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5. - 7. Mai 2017 - Wittener Tage für neue Kammermusik

Seit 1969 finden in Witten die Tage für neue Kammermusik statt, ein reines Uraufführungsfestival mit einem starken regionalen Bezug.

Kammermusik wird in Witten sehr weit gefasst. Das reicht vom Solostück bis zum Ensemble und Kammerorchester.

Wie flexibel das ausfallen kann, zeigte sich gleich im ersten Werk, einem elfteiligen Zyklus von Brian Ferneyhough, in dem er sich mit englischer Renaissancemusik auseinandersetzt. Da gibt es ein Cellosolo, aber auch ein Stück für zwölf Instrumente, das dirigiert werden muss.

Klangskulptur

Die Komponistengenerationen sind auch diesmal sehr ausgewogen vertreten. Das Eröffnungskonzert bestritten die "alten Hasen". Neben Brian Ferneyhough war es Harrison Birtwistle, der eine über 70, der andere sogar schon über 80. Beides große Namen, allerdings gab es von ihnen wenig, das man nicht schon so gehört hatte.

Erst Anfang 30 ist der Amerikaner Timothy McCormack. Er hat ein Stück für Streichquartett geschrieben, in dem die Musiker eine halbe Stunde lang nur grobkörnige lange Töne spielen und ansonsten zu einer Klangskulptur verschmelzen. Anstrengend zu hören, aber originell in seiner Einfachheit.

Generationen

Die Ensembles spielen auf durchgehend hohem Niveau. Das muss auch so sein, denn man kann nur dann über neue Werke diskutieren, wenn sie ideal aufgeführt werden. Zwei Streichquartettgenerationen trafen hier aufeinander. Das Arditti Quartet ist seit Jahrzehnten eine feste Größe in der Neuen Musik. So haben sie auch gespielt: bei aller Konzentration verhältnismäßig entspannt, sie bringt so leicht nichts aus der Ruhe. Fast wirkte es eine Spur zu routiniert.

Das wesentlich jüngere JACK Quartet dagegen hatte zwar die experimentelleren Stücke. Sie zeichnen sich aber durch eine bedingungslose Hingabe aus und lassen sich selbst auf die aberwitzigsten Anforderungen ein.

Nicolaus A. Huber

Er ist diesmal Composer in Residence in Witten. Ende 70 und Urgestein der Szene, nutzt er seit jeher Anregungen auch aus nichtmusikalischen Bereichen wie Medizin, Naturwissenschaften, manches hat bei ihm auch einen gesellschaftskritischen Hintergrund. In seinem Solostück für Trompete etwa setzt er sich klingend mit der Steingtheorie auseinander.

Das alles geschieht bei ihm jedoch nie verkopft. Das ist mal humorvoll, wenn er ein winziges Stück von einem einzelnen Konzerthuster inspirieren lässt, mal aber auch ernst und politisch, wenn er etwa die Vermüllung unserer Ozeane thematisiert. Eine bis heute faszinierende und vielschichtige Persönlichkeit.

Hammerteich

Wichtiges Kennzeichen der Wittener Tage sind Klanginstallationen mit Bezug auf die von der Industrie geprägte Landschaft des Ruhrgebiets. In diesem Jahr war der Hammerteich Austragungsort. Das war in 18. und 19. Jahrhundert ein Stausee, der dazu diente, ein Hammerwerk anzutreiben.

Diese Beziehung von Industrie und Natur spiegelt sich wider in einer Installation für Stahlscheiben-Rohlinge und Rückprallhammer, die die in die Natur gebaute Industrie klanglich noch einmal zum Leben erweckt. Und das ist das Einzigartige in diesem Festival. Alle anderen Stücke kann man überall wiederaufführen, diese Installationen funktionieren nur hier und sind im wahrsten Sinne des Wortes einmalig. Ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des Festivals.

Andreas Göbel, kulturradio

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