Gastspiel Schauspiel Leipzig: "Kruso" © Rolf Arnold
Rolf Arnold
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Deutsches Theater | Autorentheatertage - Gastspiel Schauspiel Leipzig: "Kruso"

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Die Titelfigur Kruso ist das Oberhaupt einer sonderbaren Gemeinschaft von Randexistenzen und Auserwählten auf Hiddensee. Bei den Autorentheatertagen ist Lutz Seilers preisgekrönter Roman nun in der Bühnenfassung von Armin Petras und Ludwig Haugk zu sehen.

Lutz Seilers Roman "Kruso" hat nicht nur den Deutschen Buchpreis gewonnen und stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. Mittlerweile ist der poetische Roman über die Freundschaft zweier Männer im Sommer 1989 auf der Insel Hiddensee auch ein Theatererfolg – vor allem auf ostdeutschen Bühnen. In Potsdam, Brandenburg, Magdeburg und Gera waren Bühnenadaptionen des Stoffes zu sehen. Am Deutschen Theater in Berlin war bei den Autorentheatertagen eine Produktion aus Leipzig zu Gast. Inszeniert hat sie Armin Petras, der als Regisseur und Autor ein Spezialist für die untergehende DDR ist.

Begradigter Text

Es ist ein filigraner, versponnener Roman, bei dem Außen- und Innenwelten ineinanderfließen. Oft weiß man beim Lesen nicht, was wirklich geschieht und was sich nur im Kopf von Ed, dem Protagonisten, abspielt. Die Sprache erfordert eine hohe Konzentration und Lust, sich einzulassen. Beides traut Armin Petras dem Publikum offenbar nicht zu.

Die Textfassung, die Petras zusammen mit dem Dramaturgen Ludwig Haugk erstellt hat, begradigt die Sprache. Die Naturbilder, die wilden Assoziationen, die Hirngespinste fehlen hier. Stattdessen erzählt Petras die Geschichte schnurstracks von vorn bis hinten durch – in dem etwas atemlosen Sound, den man aus seinen eigenen Stücken kennt.

Gastspiel Schauspiel Leipzig: "Kruso" © Rolf Arnold
Gastspiel Schauspiel Leipzig: "Kruso" © Rolf Arnold

Das Meer als Sehnsuchtsort

Zu sehen ist ein Theater der großen Bilder. Die Bühne von Olaf Altmann spielt die Hauptrolle: Hunderte Schnüre hängen silbern glänzend von der Decke. Wunderschönes Licht fällt – mal gleißend, mal warm – in verschiedenen Winkeln ein und erzeugt so die Illusion von Wellengang. Das Meer, die Ostsee, steht fürs Unbekannte und für die Freiheit, aber hier auch für den Tod. Von Hiddensee aus versuchten ja viele die Flucht nach Dänemark, viele sind dabei ertrunken oder erschossen worden. Auch davon erzählt Seilers Roman.

Der Germanistikstudent Edgar Bendler, genannt Ed, kommt in einer existentiellen Krise auf die Insel, nachdem seine Freundin bei einem Unfall gestorben ist. Er findet Arbeit als Abwascher im Gasthof "Zum Klausner". Dort wird er in die Rituale der eingeschworenen Belegschaft eingeführt, die sich selbst als "Besatzung" – wie auf einem Schiff – versteht. Er freundet sich mit Kruso an, der seine Schwester im Meer verloren hat. Und der sich allen annimmt, die verloren auf die Insel kommen. Kruso will diese "Schiffbrüchigen" dazu bewegen, nicht zu fliehen, sondern die Freiheit in sich selbst zu finden.

Gastspiel Schauspiel Leipzig: "Kruso" © Rolf Arnold
Gastspiel Schauspiel Leipzig: "Kruso" © Rolf Arnold | Bild: Rolf Arnold

Kruso ist eine Frau

Kruso wird von einer Frau gespielt, von Anja Schneider, was inhaltlich aber keine Bedeutung hat. Manchmal gelingt es bei so genannten Cross-gender-Besetzungen, dass man gar nicht übers Geschlecht nachdenkt. Das war in einigen Inszenierungen mit Bibiana Beglau so. Aber hier glückt das nicht. Anja Schneider ist anfangs damit beschäftigt, breitbeinig einen auf Mann zu machen.

Im Buch ist Kruso ein charismatischer und rätselhafter Guru, mit archaischen, wilden Zügen. Anja Schneider spielt das Gegenteil: einen steifen, etwas verklemmten Mann mit hochgezogenen Schultern und Brille. Ein Typ, der aus Unsicherheit blöde Witze reißt. Man versteht die Faszination nicht, die von ihm ausgeht. Die Rituale, im Buch philosophisch und poetisch überhöht, bekommen was Albernes.

Die Schiffbrüchigen, gespielt von Leipziger Schauspielschülern, müssen Choreografien vollführen: mal plakative Schwimmbewegungen, mal pseudo-erotische Pas de deux. Da wird es ein bisschen peinlich.

Gastspiel Schauspiel Leipzig: "Kruso" © Rolf Arnold
Gastspiel Schauspiel Leipzig: "Kruso" © Rolf Arnold

Wendegeschichte als großes Bildertheater

Die Wendegeschichte ist der Aspekt, für den sich Petras am meisten interessiert. Er macht zum Glück keine Parodie mit DDR-Kolorit daraus, wie das in einigen anderen Kruso-Inszenierungen zu sehen war. Immer wieder arrangiert er starke Bilder. Wenn die 13 Schauspieler Da Vincis "Das Abendmahl" nachstellen. Oder wenn einer mit riesigem Hirschgeweih auftritt. Oft allerdings bleiben diese Bilder etwas beliebig.

Am Ende gibt’s Klamauk: Die DDR wird zur Musik von "Spiel mir das Lied vom Tod" zu Grabe getragen. Ed und Kruso, die als Einzige übrig bleiben, tragen Ketchup- und Senfkostüme und wollen den Gasthof in "Mac Klausner" umtaufen.

Anja Schneider als sächsisches Rumpelstilzchen

Anja Schneider zeigt hier, in dieser improvisierten Szene, ihr komödiantisches Talent. Als sächsisches Rumpelstilzchen fegt sie über die Bühne. Seit dieser Spielzeit ist sie am Deutschen Theater engagiert und ein echter Gewinn fürs Ensemble. Aber ihre Virtuosität kann den Abend nicht retten.

Das Grundproblem des Abends ist der Text, dem die Eigenartigkeit und Poesie ausgetrieben wird – und damit ein zentrales Thema des Buches: Es geht bei Lutz Seiler auch darum, eine Zuflucht in der Sprache zu finden. Ed und Kruso klammern sich an Gedichte wie Ertrinkende an einen Ast. Lutz Seilers Roman ist ein Liebeslied auf die Literatur. Aber der wird bei Armin Petras nicht zu einer Feier des Theaters, sondern zu einer routinierten Roman-Bebilderung.

Mounia Meiborg, kulturradio

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