''Ein europäisches Abendmahl'' © Georg Soulek
Georg Soulek
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Deutsches Theater - Wiener Burgtheater bei den Autorentheatertagen

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"Ein europäisches Abendmahl"- das sind fünf Frauenmonologe, geschrieben von bekannten europäischen Schriftstellerinnen. Barbara Frey hat die Texte, die von Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen stammen, am Burgtheater Wien inszeniert und ist damit nun bei den Autorentheatertagen Berlin zu Gast.

Fünf prominente Autorinnen aus fünf Ländern hatte das Wiener Burgtheater gebeten, sich auf persönliche Weise mit der derzeitigen Verfasstheit Europas auseinanderzusetzen: Jenny Erpenbeck, Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora und Sofi Oksanen. Sie haben Frauenfiguren entworfen, die das Burgtheater unter dem Titel "Ein europäisches Abendmahl" uraufgeführt hat. Ausgerechnet am 17. Juni gastierte die Wiener Produktion bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin.

Ein politisches Statement

Kein Zufall, dass dieses "Europäische Abendmahl" just am Tag gezeigt wurde, der ja nicht nur in der jüngeren deutschen Historie, sondern auch im europäischen Geschichtskalender als Tag der Freiheit und der Demokratie gelten kann. Schließlich feiert das Deutsche Theater an diesem 17. Juni den "Tag der offenen Gesellschaft" als Partner mit, an dem sich Initiativen in der ganzen Republik zu einem offenen Europa bekennen.

Mit dem "Europäischen Abendmahl" konnte man da ein politisches Statement abgeben. Die Tafel auf der Bühne passte jedenfalls perfekt zu den Tafeln, an denen danach "Europa Table Talks" bei Brot und Wein stattfanden. Nach der zweiten Aufführung war die Diskussion "Wohin Europa?" angesetzt – die Inszenierung hatte also vor allem einen kulturpolitischen Auftrag zu erfüllen. Noch dazu ist die Regisseurin Barbara Frey die Intendantin des Zürcher Schauspielhauses – und sowohl Zürich als auch die Wiener Burg sind die Partnertheater der Autorentheatertage. Man kam also kaum drum herum, diese Arbeit nach Berlin einzuladen.

''Ein europäisches Abendmahl'' © Georg Soulek
''Ein europäisches Abendmahl'' © Georg Soulek

Vom Ankommen in einer neuen Heimat

Der künstlerische Ertrag blieb da hinter dem kulturpolitischen Aspekt zurück. Der Abend besteht aus einer Aneinanderreihung von Monologen und kleinen Szenen, die die Autorinnen entworfen haben. Wie das in solchen Fällen eben läuft: Man fragt fünf Autoren aus fünf Ländern nach ihrer Einschätzung zu Europa – und damit es attraktiver wird, konzentriert man sich auf die weibliche Perspektive. Heraus kommen dann ganz heterogene, subjektive Momentaufnahmen, die man kaum gebündelt kriegt. Das biblische Motiv des Abendmahls kommt jedenfalls nur im Titel vor, es bleibt in dieser Inszenierung reine Behauptung.

In der Mehrheit erzählen die Frauen auf der Bühne vom Ankommen in einer neuen Heimat. Terézia Mora lässt eine Frau ins Publikum sprechen, die schon seit langem in Deutschland lebt und kaum das Haus verlässt, nach dem Motto: "Glück ist, wenn man überall hin kann, aber nirgends hin muss". Nino Haratischwili lässt eine Putzfrau, die vor langer Zeit nach Deutschland immigriert ist, über die neuen Flüchtlinge wettern, deren Unterkunft sie zu putzen hat. Das erzählt etwas über den Neid der "alten" Flüchtlinge, die noch vor der Willkommenskultur eingereist sind, auf die angeblich verhätschelten "neuen" Flüchtlinge.

Der stärkste Text kommt von der finnisch-estnischen Autorin Sofi Oksanen. Sie hat zwei Frauenfiguren erdacht – eine ukrainische Eizellenspenderin und eine unfreiwillig kinderlose Engländerin. Oksanen geht es um das Ausloten der biotechnischen Möglichkeiten, die in Osteuropa für Frauen ein neues Ausbeutungs- aber auch ein neues Geschäftsmodell generieren.

Die kleine Textfläche von Elfriede Jelinek über den Mythos Europa ist zu vernachlässigen. Und die Szene der Berlinerin Jenny Erpenbeck ist in der Spielfassung, so verkürzt, dass man kaum verstehen kann, worum es überhaupt geht. Erpenbeck war mit der Umsetzung auf der Bühne offenbar auch so unglücklich, dass sie die Aufführungsrechte für das Berliner Gastspiel verweigert hat. Ihr Text war deshalb gar nicht am Deutschen Theater zu erleben.

''Ein europäisches Abendmahl'' © Georg Soulek
''Ein europäisches Abendmahl'' © Georg Soulek | Bild: Georg Soulek

Starke Schauspielerinnen der Wiener Burg

Ein Ding der Unmöglichkeit, diese disparaten Monologe durch szenische Mittel auf der Bühne zusammenzubringen. Die Bühne von Martin Zehetgruber gleicht einer großen, düsteren Ruine ohne Dach und mit sandigem Boden, die wohl das verfallende "Haus Europa" symbolisieren soll. In dieser tristen Gesamtstimmung lässt Barbara Frey die einzelnen Figuren hauptsächlich auf Stühlen an der Rampe ins Publikum sprechen. Die Szenen bleiben Schnappschüsse, Momentaufnahmen.

Das ist nicht ungewöhnlich, sondern meistens das Dilemma, wenn man mehrere Autoren, und seien sie noch so prominent, zu einem Abend zusammenbringen will. Oft sind das am Dramaturgentisch entstandene Projekte, die man aber, was den Inhalt der Texte angeht, intensiv betreuen müsste, damit daraus ein Ganzes entsteht. Das ist hier nicht geschehen. Dass der Abend nicht untergeht, ist allein den wirklich starken Schauspielerinnen der Wiener Burg zu verdanken. Dörte Lyssewski, Sylvie Rohrer, Frida-Lovisa Hamann – aber auch Maria Happel, Katharina Lorenz und Catrin Striebeck sind großartig. Es macht einfach immer Spaß, ihnen anderthalb Stunden lang zuzusehen.

Barbara Behrendt, kulturradio

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