Jean-Philippe Rameau: Zoroastre © Monika Rittershaus
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© Monika Rittershaus | Bild: Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin - Jean-Philippe Rameau: "Zoroastre"

Bewertung:

Der Kampf zwischen den Mächten von Licht und Finsternis wird zum mörderischen Nachbarschaftsstreit mit bitterer Pointe. Ein gelungenes Berliner Regiedebüt von Tobias Kratzer, leider gepaart mit musikalischen Unzulänglichkeiten.

Es lohnt sich immer wieder, in Sachen Barockoper nicht nur auf Georg Friedrich Händel zu setzen. Gerade das Musiktheater von Jean-Philippe Rameau besticht in seiner raschen Abfolge von Rezitativen, kurzen Arien, Zwischenspielen und Tänzen. Das ist so vielfältig und originell, dass die Komische Oper Berlin gut daran getan hat, nach der Erfolgsproduktion von "Castor und Pollux" nochmals auf Rameau zu setzen.

Die Handlung des Werkes ist dagegen für heutiges Musiktheater problematisch: Die Mächte von Licht und Finsternis kämpfen gegeneinander. Am Ende sieht natürlich das Gute, aber bis dahin ist es ein permanentes Hin und Her aus Macht und Liebe, alles durcheinander. Keine einfache Aufgabe für einen Regisseur.

Bildungsbürger gegen Proll

Bei seinem Berlin-Debüt holt der Regisseur Tobias Kratzer die Handlung in eine ziemlich banale Gegenwart. Bei ihm ist es ein Nachbarschaftsstreit. Zwei Bungalows stehtn auf der Bühne, nur durch einen Zaun getrennt – aber was für Welten! Der eine wird von einem Bildungsbürger bewohnt, mit Bücherwand im Wohnzimmer, gepflegter Einrichtung und blühendem Garten, der andere von einem ziemlichen Proleten, der am Computer herumdaddelt in einer grauen, heruntergekommenen Baracke, innen mit scheußlich grüner Sofagarnitur. Man bekriegt sich mit Elektrozaun, Schießgewehr, und da landet nicht gerade zimperlich auch schon mal ein Arm im Laubhäcksler.

Daneben gibt es jedoch noch eine zweite Ebene: ein winziges Stück Kunstrasen, nicht mehr als ein Quadrat. Dort wohnt ein Ameisenvolk. Das wird in überdimensionaler Größe auf der Hinterbühne als Choristen sichtbar, per Live-Video übertragen. Die müssen mit den Resten der Menschen klarkommen: Ein bisschen Zigarettenasche wird da gleich zur großen Staubwolke, ein Cocktailschirmchen zum großen Sonnenschirm.

Jean-Philippe Rameau: Zoroastre © Monika Rittershaus
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Bittere Pointe

Bis zur Pause wirkt das alles als eine Mischung aus Kindertheater und Studentenulk. Kurz vor Schluss zeigt sich die bittere Pointe, die dahintersteckt. Am Ende liegen die Ameisen tot auf dem Rasen, vom Rasenmäher  ermordet. Das will sagen: Bei den ganzen Machtspielen und Kriegen der Mächtigen bleibt das Volk immer auf der Strecke; die einfachen Menschen sind die Leidtragenden.

Ganz am Schluss zeigt ein letztes Video, wie zwei Babys kleine Modelle der Bungalows auseinandernehmen und zerstören. Da ist also schon die ganz junge neue Generation und übt im Spiel Gewalt und Vernichtung. Vielleicht kommt es ein bisschen spät, aber Tobias Kratzer zeigt dann doch mit kräftigen Bildern eine durchdachte Konzeption mit ernster Botschaft. Ein echtes Talent.

Darstellerisch hervorragend, musikalisch unbefriedigend

Wie fast immer an der Komischen Oper Berlin können alle Sängerinnen und Sänger darstellerisch überzeugen. Knapp drei Stunden sind sie in Spiellaune, ob nun beim Yoga oder bei einer slapstickreifen Nummer am Elektrozaun.

Problematisch wird es beim Singen: Fast durchweg dominiert eine Dauerfortissimo. Das ist sicher der hohen emotionalen Anspannung geschildert, die auch durchaus Teil der Oper ist – Rameau lässt Gefühle direkt und scharf geschnitten aufeinander prallen. Nur erlebt man das hier zu wenig differenziert. Hinzu kommt die überwiegend mangelhafte französische Aussprache, auch der Sänger der Titelrolle hat mit der Intonation zu kämpfen. Da bleiben viele Wünsche offen.

Volldampf und Zeitdruck

Auch bei dieser Rameau-Produktion steht der Alte Musik-Spezialist Christian Curnyn am Pult des Orchesters der Komischen Oper, und man erlebt eine durchdachte Disposition des Orchesters ohne Streichervibrato und mit Naturhörnern. Das funktioniert im Zusammenspiel, die Rezitative sind sauber begleitet.

Allerdings dirigiert Curnyn über zahlreiche Feinheiten hinweg. Der spielerische Reichtum der Musik wirkt sehr gleichförmig, wie unter Volldampf und Zeitdruck. Gerade vor der Pause verschwinden viele Details ebenfalls unter der Lautstärke. Atemlos hetzt es von Nummer zu Nummer.

Eine witzige, durchdachte Inszenierung, musikalisch jedoch eine Enttäuschung.

Andreas Göbel, kulturradio

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