DKonzerthaus Berlin: DSO Berlin - Deutsche Messe © MUTESOUVENIR | KAI BIENERT
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Konzerthaus Berlin - "Deutsche Messe"

Bewertung:

An den Feierlichkeiten zum Luther-Jahr beteiligt sich das DSO Berlin mit einem besonderen Projekt. Stefan Heucke hat im Auftrag komponiert und Norbert Lammert eine deutsche Version des lateinischen "Ordinarium missae" geschrieben. Gelungen?

Mutig und sinnig ist es, zum Luther-Jahr eine Gattung wiederzubeleben, die niemals als dominant oder auch nur als verbindlich gemeint war – nicht mal von Luther selbst. Der "Deutschen Messe", also der Übersetzung der liturgischen Folge von Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Pater Noster und Agnus Dei ins Deutsche, wurde durchs 20. Jahrhundert der Garaus gemacht. Erst seit wenigen Jahren kann man sich ein solches Unterfangen wieder leisten, ohne in den Verdacht des Nationalismus zu geraten. Dass ausgerechnet der Bundestagspräsident Norbert Lammert die zwei Seiten übertragen hat, um die es sich hierbei handelt, scheint mir von literarischem Ehrgeiz zu zeugen, der keinem Politiker schadet. Vor vollem Haus mit guten Worten vorausgesalbt von der Bundesministerin für Kultur, Monika Grütters, darf man das absolut okay finden, ohne dafür schon politisch oder religiös werden zu müssen.

Tonal

Stefan Heuke (58), bei dem das DSO das Werk in Auftrag gab, ist ein Komponist in mittlerer Preislage. Aufgefallen ist er vor allem durch seine Oper "Das Frauenorchester von Auschwitz" (2006). Er weiß patriotische Trittfallen zu umgehen. Heuke wählt fast durchweg eine tonale Tonsprache. Dissonanzen schwellen darin nur an, so wie Milch, die auf dem Herd überkocht. Feierlich wird’s von Beginn an; sogar mit Überschreitung zum Altfränkischen oder "Ben Hur"-haften. Mit Drang ins Wagnereske, Pfitznereske und Mahlereske. Woraus eine Selbstbedienungsmentalität zum Zweck der Konzertversöhnung spricht.

Diskret

Übersetzer Norbert Lammert war zurückhaltend genug, sich beim Schlussapplaus nicht auf die Bühne bitten zu lassen. Er will dienen. Und entschließt sich dennoch, wie man es von einer Neuübersetzung erwarten darf, zu Vereindeutigungen. "Dein Reich kommt,/wenn dein Wille geschieht,/auch auf Erden", schreibt Lammert, indem er das Reich Gottes an die Bedingung bindet, dass wir Menschen seinen göttlichen Willen geschehen lassen. Von außen betrachtet, mag der Prominenzfaktor des Übersetzers sein Zweideutiges, Zweifelhaftes haben. Lammert muss man es lassen, dass er seine Aufgabe diskret genug erfüllt.

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Das DSO überzieht das Ganze mit Silberglanz

Besser als mit Juliane Banse, Birgit Remmert und Michael Nagy kann man das kaum besetzen: Konzertsänger der absolut ersten Garnitur. Wobei mir am besten der Tenor Tilman Lichdi gefallen hat, hier mit Mozart-Trompetchen zu Werke geht. Das DSO überzieht das Ganze mit Silberglanz. Es wäre kaum nötig, dass Dirigent Steven Sloane am Ende in Kreuzes- oder Kandelaber-Pose erstarrt. Vollends glücklich wäre ich, wenn ich beim Rundfunkchor nur wiederfinden könnte, wo im Text wir uns gerade befinden. In der Einstudierung von Philipp Ahmann ist’s nur bedingt der Fall.

So ist dies eine Uraufführung von tagesaktueller Bedeutung; morgen wieder vergessen. Ein prominenterer Beitrag war offenbar nicht aufzutreiben. Während noch im 20. Jahrhundert die meisten großen Komponisten (nicht nur Messiaen) gläubig waren, findet man heute höchstens noch einen wunderlichen Heiligen wie Arvo Pärt. Vielleicht ist das auch zu viel verlangt. Diese Deutsche Messe will ihr Publikum ökumenisch mit sich selbst versöhnen; und das gelingt auch. Wer zum Glauben überspringen will, ist bei Bach oder Palestrina immer noch besser bedient. Wer hätte das gedacht?!

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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