Patricia Kopatchinskaja © Marco Borggreve
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Konzerthaus Berlin - Konzerthausorchester unter Iván Fischer mit Artist in Residence Patricia Kopatchinskaja

Bewertung:

Das letzte große Orchesterkonzert von Patricia Kopatchinskaja als Artist in Residence beim Konzerthaus Berlin brachte eine große Show, aber lief am Stück vorbei. Bartóks "Wunderbarer Mandarin" funktionierte dagegen recht gut als Stummfilm ohne Bild.

Wer Patricia Kopatchinskaja verpflichtet, muss wissen, dass er damit nicht nur eine Geigerin engagiert, sondern ein durchaus unterhaltsames Gesamtkunstwerk. Auch diesmal erschien sie im knallroten Kleid, natürlich barfuß – und in der Interpretation gewohnt exzentrisch. Kein Schönklang, dagegen ein Quietschen und Knarzen.

Als Zugabe selbstverständlich kein Solostück, sondern ein Duosatz von Darius Milhaud. Die Noten hatte der Klarinettist des Konzerthausorchesters Berlin erst am gleichen Tag bekommen. Alles mit der heißen Nadel gestrickt, aber funktioniert hat es.

Es zieht einem die Schuhe aus

Die Methode von Patricia Kopatchinskaja, alles zu überemotionalisieren, also auf warmen Schönklang zu verzichten und dafür das Hyperaktive und Abgründige eines Werkes herauszuarbeiten, funktioniert nicht immer. Bei Schumann und Webern, wie vor einigen Monaten vorgeführt, geht es ganz gut – das Violinkonzert von Jean Sibelius lässt das jedoch nicht zu.

Da gibt es neben halsbrecherischer Virtuosität auch ausgedehnte melodische Linien. Die ist Patricia Kopatchinskaja mit einer bisweilen derart schauderhaft schiefen Intonation angegangen, dass es auch dem Publikum die Schuhe hätte ausziehen müssen. Ein Extrem stand neben dem anderen: Hier zersägte sie fast ihre Geige, dort wisperte es vor sich hin. Das alles ließ das ohnehin schon zerklüftete Konzert noch steinbruchartiger erschienen. Keine Dramaturgie, es wurde lang und langweilig.

Iván Fischer © Marco Borggreve
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Man hört wieder hin

Iván Fischer hat seine Solistin agieren lassen und immer nur dann eingegriffen, wenn das Orchester Zwischenspiele hatte. Dann hat er mit breitem Pinsel Pathos verströmt, was sehr viel besser zum Werk passte. Immerhin er wusste mit seinem Orchester Entwicklungen zu gestalten.

In Sibelius' "Valse triste" erlebte man Fischer wie in seinen besten Momenten, indem er einem recht bekannten Werk neue Facetten abgewann. Das Werk schildert eine Sterbende, die im Traum auf einem Ball Walzer tanzt. Diese doppelbödige Situation lag Iván Fischer hervorragend. Am Beginn stockte es und wollte nicht in Tritt kommen. Und von einem Augenblick auf den anderen war die Eleganz des Walzers zu spüren. Und auf einmal hörte man bei diesem Stück wieder hin.

Stummfilm ohne Bild, aber mit Text

Der "Wunderbare Mandarin" von Béla Bartók ist eine Tanzpantomime, also, wie Iván Fischer in einer kurzen Ansprache zuvor erläuterte, Theater. Und damit man besser weiß, wo man gerade in der Handlung ist, ließ er die Regieanweisungen, die Bartók in seine Partitur geschrieben hatte, als Übertitel projizieren. Eine geniale Idee, denn so konnte man die Musik besser der jeweiligen Handlung zuordnen.

Das war mit den kurzen Sätzen eine Art begleiteter Stummfilm, nur ohne Bild. Aber die Bilder entstanden so automatisch im Kopf. Kein Wunder: hat Bartók hier doch eine ziemliche Splatter-Geschichte mit Sex & Crime um ein paar Gauner verkomponiert, die mit Hilfe einer Prostituierten Freier ausnehmen und beklauen, bis es schließlich im Mord endet. Sofort hat man Bilder im Kopf, schwarz-weiß natürlich, von einer schäbigen Dachkammer mit zwielichtigen Gestalten.

Eine Spur zu jugendfrei

Musikalisch hat Iván Fischer die Partitur gut gearbeitet. Das ist ja nicht einfach umzusetzen. Ein riesiger Orchesterapparat plus Chor, Celesta, Klavier und Orgel, rhythmisch sehr anspruchsvoll. Das alles zusammenzuhalten, ist eine Leistung. Was fehlte, war jedoch alles das, was diese Musik emotional ausmacht: das Orgiastische, das alles drastisch nachzeichnet, was in der Handlung abläuft.

Wie der Mandarin, nachdem er ausgenommen worden ist, erstickt, erdolcht und erhängt wird, das alles überlebt und mit der Prostituierten schläft, bevor er dann doch stirbt, schildert Bartók in schillerndsten, gleißendsten, teilweise brutalsten Farben. Hier hat das Konzerthausorchester noch zu sehr auf Sicherheit gesetzt, noch nicht den Mut gehabt loszulassen. Um es kurz zu sagen: Das war gut gespielt, aber eine Spur zu jugendfrei.

Andreas Göbel, kulturradio

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