"Peng" © Schaubühne/Arno Declair
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Schaubühne Berlin - Marius von Mayenburg: "Peng"

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Das neue Stück von Marius von Mayenburg, das er als Reaktion auf die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten geschrieben und an der Schaubühne selbst inszeniert hat.

Marius von Mayenburg ist Dramaturg, Shakespeare-Übersetzer, Regisseur – und vor allem Dramatiker. Seine schrillen Komödien kratzen oft am dünnen Firnis der bürgerlichen Wohlstandswelt und legen den Psycho-Schutt hinter den hübschen Hipster-Fassaden frei. Vor zwei Jahren karikierte Mayenburg an der Berliner Schaubühne mit "Stück Plastik" den Kunstbetrieb. Sein neues Stück heißt schlicht "Peng". Mayenburg hat es, wie er sagt, als "allergische Reaktion" auf die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten geschrieben. An der Schaubühne hat er es selbst inszeniert und zur Uraufführung gebracht.

Die Ähnlichkeit mancher Regierungschefs mit Rotzbengeln

"Peng, Peng" rufen Kinder, wenn sie im Spiel Menschen erschießen und sich dabei nicht im Klaren sind, was so ein Schuss im echten Leben bedeuten würde. Schlimm wird es erst, wenn ein Erwachsener, noch dazu einer, der Macht in Händen hält, das Herumballern in der Welt nur als Spiel begreift. Und darum geht es in Mayenburgs neuem Stück: um die Ähnlichkeit zwischen so manchem mächtigen Regierungschef und verzogenen fünfjährigen Rotzbengeln.

"Peng" © Schaubühne/Arno Declair
"Peng" © Schaubühne/Arno Declair

Peng beißt sich durchs Leben

Der Abend ist aber weniger eine groteske Gesellschaftskomödie, wie man sie von Mayenburg kennt, als eine Art Polit-Comedy – mit ziemlich faden Thesen. "Peng" ist hier eine Figur, nämlich der kleine Junge Ralf Peng. Der ist schon vor seiner Geburt ein richtiges Monster. Noch im Mutterleib erwürgt er seine Zwillingsschwester – denn: Es kann nur einen "Peng" geben. Er kommt mit zwei vollständigen Zahnreihen bewaffnet auf die Welt und beißt sich erst durch die Nabelschnur und dann durchs Leben, immer mit dem Ziel vor Augen, diese Welt zu beherrschen. Dafür ist ihm jedes Mittel recht: Lügen, Intrigen, rohe Gewalt. Dem Teddy reißt er noch im Kinderwagen den Kopf ab und dem Geigenlehrer sticht er als Fünfjähriger ein Auge aus. Aber seine Eltern sind stolz auf ihr vermeintlich hochbegabtes Kind – sie leben selbstzufrieden in ihrem hippen, urbanen Bio-Paradies mit der Alm-Milch direkt von artgerechten Kühen.

"Peng" © Schaubühne/Arno Declair
"Peng" © Schaubühne/Arno Declair | Bild: Schaubühne/Arno Declair

Die Peng-Familie steht für das große Ganze

Dieser Ralf Peng macht als Kind schon die Welt unsicher. Peng ist nämlich frühreif. Mit fünf Jahren lässt er sich Waffen liefern, kandidiert für das Amt des Weltherrschers und startet eine Grapsch-Attacke auf die Babysitterin, mit den berüchtigten frauenfeindlichen Sätzen, die wir alle von Donald Trump kennen. Auch vieles andere verweist direkt auf Trump, der ja der lebende Beweis ist für die Infantilisierung der Macht.

Überhaupt will alles in dieser kleinen Peng-Familie Analogie für das große Ganze sein: die Mutter, die im Keller schutzsuchende Frauen beherbergt, ist Mama Merkel. Das Haus, das deshalb aus allen Nähten platzt, steht für Europa. Der Vater, der die Küchengeräte verkauft, mit denen die Frauen misshandelt worden sind, ist der Waffenexport-Meister Deutschland. Der Junge, der mit dem Gewehr an der Tür steht und niemanden mehr reinlässt: wahlweise Trump, Putin, Orbán oder Kaczyński in der Flüchtlingskrise.

Ein narzisstisches Terrorkind in der Halfpipe

Das Stück will überdrehte Komödie sein, ist aber weder besonders originell noch besonders komisch, sondern bewegt sich mit ziemlich verbrauchten Gags auf sehr bescheidenem Witzniveau. Anders als bei Mayenburgs Kunstbetriebssatire "Stück Plastik" hangelt sich der Autor hier von einer mittelmäßigen Pointe zur nächsten. Da kennt die Bühnengeschichte wirklich ganz andere Kaliber von tyrannischen Riesenbabys, ich erinnere nur an Alfred Jarrys "König Ubu".

Die Bühne von Nina Wetzel ist ganz in Grün getaucht und Sebastian Schwarz rutscht da als narzisstisches Terrorkind in langen Unterhosen eine Halfpipe rauf und runter. Darüber eine Leinwand, auf der man sehen kann, wie einfach es ist, das krude Spiel auf der Bühne bei Bedarf zur medialen Inszenierung aufzublasen: Erst im Video sorgen Feuer, Regen, Blut für Action, werden Werbespot-Idyllen eingespielt, wird ein Boxring oder ein Talkshow-Sofa als Kulisse projiziert.

"Peng" © Schaubühne/Arno Declair
"Peng" © Schaubühne/Arno Declair

Theater auf Kindergartenniveau

Die multimediale Bühne ist noch das Ambitionierteste an diesem Abend. Ansonsten reiht sich endlos Nummer an Nummer – ein verquasseltes Polit-Bashing, das an Irrwitz weit hinter der weltpolitischen Realsatire zurückbleibt. In diesem Abend steckt ein Denkfehler: Man kann nicht glaubwürdig die Infantilisierung der Politik und der Gesellschaft beklagen und dabei selber nur auf Kindergartenniveau herumwitzeln.

Barbara Behrendt, kulturradio

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