Münchner Kammerspiele: Point Of No Return mit Dejan Bućin, Niels Bormann, Damian Rebgetz, Wiebke Puls, Jelena Kuljić; © David Baltzer
Münchner Kammerspiele
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Deutsches Theater Berlin | Autorentheatertage - Münchner Kammerspiele: "Point Of No Return"

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Hart an der Geschmacksgrenze: Die israelische Regisseurin Yael Ronen ist berühmt dafür, aus den Biografien ihrer Schauspieler so schwarzhumorige wie psychologisch tiefgründige Stücke zu entwickeln.

Die Berliner kennen sie vor allem aus dem Gorki-Theater, wo sie als Hausregisseurin häufig inszeniert. Zur Eröffnung der Autorentheatertage gastierte nun am Deutschen Theater in Berlin ihr Stück "Point Of No Return" von den Münchner Kammerspielen.

Ursprünglich sollte das ein Abend über Sex und Dating in der heutigen Zeit werden. Aber mitten in der Probenzeit lief Daniel S. in München Amok und tötete neun Menschen. Das bewegte und schockierte natürlich auch die Regisseurin und ihre Schauspieler – und so ist "Point Of No Return" eine Arbeit über die Angst vor dem Terror geworden.

Yael Ronen beginnt auch hier mit dem, was längst zu ihrem Markenzeichen geworden ist – zum Ausgangspunkt der Inszenierung macht sie die individuellen Erlebnisse der Schauspieler, lässt sie von ihrer Angst vor einer Terrorattacke erzählen. Die fünf Schauspieler und Performer sprechen darüber, wo sie an jenem Abend waren, als es in München den vermeintlich ersten großen Terroranschlag in Deutschland gab, der sich später als Amoklauf herausstellen sollte.

Wiebke Puls saß mit ihren Kindern in einer Vorstellung im Theater, Niels Bormann bestellte Fischsuppe in der Theaterkantine, Damian Rebgetz stand auf der Bühne, Jelena Kuljić war in der Stadt unterwegs und Dejan Bućin kaufte gerade Socken ein, als das Geschäft wegen des befürchteten Amokschützen verbarrikadiert wurde.

Eitelkeiten der Schauspieler

Zunächst sind die Schauspieler und ihre eher unspektakulären Erlebnisse Stellvertreter und Identifikationsfiguren für die Zuschauer. Dejan Bućin erzählt halbironisch davon, wie sein Handy-Akku den Geist aufgibt und er völlig verzweifelt darüber ist, nun niemanden benachrichtigen zu können. Wiebke Puls spricht von der panischen Angst um ihre Kinder.

Schnell geht es dann aber um die Eitelkeiten der Schauspieler – Puls, die sich darüber auslässt, was das Publikum von ihr als Schauspielerin in so einer Situation erwartet. Oder Rebgetz, der sich fragt, ob die Todesangst sein Spiel auf der Bühne an jenem Abend überzeugender hat werden lassen.

Das entwickelt sich dann zur reinen Selbstbespiegelung des Theaters. Bis hin zum Streitpunkt, ob Schauspieler, die sich eine Rolle aneignen, in Zukunft vollständig von den Performern abgelöst werden, die auf der Bühne nur noch sich selbst darstellen. Der Abend zeigt exemplarisch, wie klein das Theater werden kann, wenn die Spieler nur noch von sich und ihren individuellen Erfahrungen sprechen.

Die Sensationsgier in uns allen

Es wird zwar deutlich, worauf Yael Ronen hinaus will: Sie möchte zeigen, dass der Narzissmus, die Sensationsgier, der Voyeurismus, der Egoismus, den die Schauspieler ausagieren, in uns allen liegt. Doch wer kann sich schon mit einem Performer identifizieren, der sich, nachdem er gerade einen Toten gespielt hat, beschwert, dass er "zu wenig Text" hatte? Das soll provokant sein – ist aber hart an der Geschmacksgrenze, manchmal geradezu zynisch.

Die Bühne von Wolfgang Menardi fällt schräg nach vorne ab, sodass sich die Darsteller an Stricken und Stühlen festhalten müssen, um nicht herunter zu rutschen. Im ersten Teil seilen sie sich wie Bergsteiger ab. Im zweiten Teil stellen sie eine Videosequenz nach, die auf den Bühnenboden projiziert wird – es ist ein Clip, der zeigt, wie ein Mann aus Eritrea als Terrorist verdächtigt und vom panischen Mob gelyncht wird.

Eigentlich eine schockierende Szene – aber auf der Bühne kommt rasch wieder die Frage auf, wer dabei nun wen spielen darf, wer Täter und wer Opfer sein darf.

Halbwitzige Theater-Insidereien

Es ist Ronens Versuch, den schrecklichen Dingen ihre komische Seite abzugewinnen – in ihren besten Abenden erstirbt einem ja das Lachen im Hals. Hier sind die Gags jedoch eher schal – halbwitzige Theater-Insidereien, die kaum einen Stachel haben.

Wer diese Münchner Terror-Nacht im Fernsehen oder via Twitter erlebt hat, diese öffentliche Panik, den multimedialen Wahnsinn, die Drastik der digitalen Trittbrettfahrerei, bei der ständig eine andere Falschmeldung über eine Schießerei vom so unglaublich souveränen Münchner Polizeichef dementiert werden musste – der hat am Bildschirm eine deutlich stärkere Dramatik erlebt (und mehr von der Sensationslust und dem Geltungsdrang der Menschen erfahren) als an diesem selbstreferenziellen Abend "live" im Theater.

Barbara Behrendt, kulturradio

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